Kategorie: Wissenschaft+Forschung

17/2019: Rita Levi-Montalcini, 22. April 1909

Rita Levi-Montalcini und ihre Zwillingsschwester Paola waren die jüngsten Kinder von vieren einer sephardischen Familie. Ihr Vater Adamo Levi war Ingenieur und Mathematiker, ihre Mutter Adele Montalcini Malerin. Wie Paola, die später Künstlerin wurde, war Rita zunächst musisch interessiert, doch als ihr Kindermädchen an Magenkrebs erkrankte und starb, beschloss sie, Medizin zu studieren.

Anfänglich gegen den Willen ihres Vaters, doch später mit der Unterstützung der Familie schloss sie ihr Studium in Turin 1936 ab und verblieb an der Universität, um als wissenschaftliche Mitarbeiterin den Histologen Giuseppe Levi zu unterstützen. 1938 führte Benito Mussolini, gestützt auf das ‚Manifest der rassistischen Wissenschaftler‚, die italienischen Rassengesetze ein, die Juden unter anderem eine akademische Karriere unmöglich machten. 1938 bis 1940, bevor die Deutschen einmarschierten, arbeitete sie als Gastwissenschaftlerin an einem neurologischen Institut in Brüssel. Von dort kehrte sie zunächst nach Turin zurück, später floh sie mit ihrer Familie abermals vor den Deutschen nach Florenz.

Da sie nicht offiziell an einer Universität forschen konnte, richtete sie sich kurzerhand Labore in ihren Wohnungen ein. In diesen Behelfslaboren begann sie die Forschungsarbeit, für die sie später berühmt werden sollte. Nach dem Krieg unterstützte sie Gesundheitsorganisationen der Alliierten, um gegen Epidemien und Seuchen in Flüchtlingslagern vorzugehen. 1946 erhielt sie ein Stipendium für ein Forschungssemester an der Washington University in St. Louis. Der ebenfalls vor der Judenverfolgung geflohene deutsche Entwicklungsbiologe Victor Hamburger interessierte sich für ihre Forschungen, über die sie in zwei Wissenschaftsmagazinen veröffentlicht hatte. Nachdem es ihr gelang, ihre Forschungsergebnisse in seinem Labor zu reproduzieren, bot er ihr eine Stelle als außerordentliche Professorin an der Universität, die sie für 30 Jahre lang innehaben sollte. 1962 eröffnete sie ein weiteres Labor in Rom und teilte anschließend ihre Zeit zwischen dem amerikanischen unr europäischen Standort auf.

Sie untersuchte das Wachstum von Nervenzellen an Krebstumoren, indem sie Tumorzellen in Hühnerembryonen einbrachte und beobachtete, wie sich Nerven um den Tumor herum bildeten, aber niemals in die Richtung der Blutzufuhr zum Tumor hin; sie schloss daraus, dass der Krebs selbst die Signale für das Nervenwachstum aussandte. Es gelang ihr schließlich, gemeinsam mit dem Biochemiker Stanley Cohen, das Protein zu isolieren, das NGF – nerve growth factor, Nervenwachstumsfaktor – genannt wird. Für diese Arbeit erhielten Levi-Montalcini und Cohen 1986 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie.

In den 1990ern stand sie im Mittelpunkt einer Kontroverse um die beschleunigte Freigabe eines Medikaments, zugunsten eines Pharmazeutikherstellers, nachdem überdurchschnittlich viele Patienten nach der Verwendung am Guillain-Barré-Syndrom erkrankten.

In den Jahren zwischen 1966 bis 2011 erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, Medaillen und Ehrendoktortitel. Ein Asteroid wurde nach ihr benannt, 2001 wurde sie als zweite Frau zur Senatorin auf Lebenszeit im italienischen Senat ernannt. Ab 2005 war sie die älteste noch lebende Nobelpreisträgerin, ab 2008 die älteste aller Nobelpreisträger•innen überhaupt und sie wurde die erste Person, die einen Nobelpreis erhielt und über 100 Jahre alt wurde.

2012 starb sie im Alter von 103 – ein Leben, der Forschung gewidmet und gänzlich ohne Sehnsucht nach Ehe oder Kindern.



14/2019: Judith Resnik, 5. April 1949

Judith Resnik war schon als kleines Kind hoch talentiert. Ihre Eltern waren vor der Judenverfolgung in der Ukraine geflüchtet; ihr Vater sprach acht Sprachen und hatte im Zweiten Weltkrieg in der US-Armee gedient.

Resnik brillierte in Sprachen und Mathematik und hätte auch eine Karriere als Konzertpianistin verfolgen können; nachdem sie ihre SATs (den standardisierten Hochschultest in den USA) mit einem perfekten Ergebnis bestanden hatte, bekam sie Angebote der renommiertesten Universitäten des Landes. Sie war im Jahr 1966 das einzige Mädchen mit der vollen Punktzahl bei dem Test und insgesamt eine von nur 16 weiblichen Testabsolventinnen, der dies bisher gelang. Sie begann Mathematik an der Carnegie Mellon University zu studieren, bis zu ihrem zweiten Studienjahr entwickelte sie allerdings Interesse an dem praktischeren Feld der Elektrotechnik. Mit 21 machte sie in diesem Gebiet ihren Bachelor of Science, sieben Jahre später erreichte sie darin einen Doktortitel.

Nach ihrem B.S. hatte Resnik eine Stelle bei RCA angetreten, wo sie unter anderem an Höhenforschungsraketen und Telemetriesystemen für die NASA arbeitete, durch eine Forschungsarbeit fiel sie dabei auch den Verantwortlichen für die Besatzung des Shuttle-Programms auf. Nebenbei machte sie einen Pilotenschein, ab 1974 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Labor für Neurophysiolgie der National Institutes of Health. 1977, nach Erlangen des Doktortitels, arbeitete sie als Systemtechniker bei Xerox.

Im gleichen Jahr bewarb sie sich um die Teilnahme an der Space Shuttle Mission als Astronautin, ihr Mentor und Dekan ihrer Universität ermunterte sie dazu. Im Januar 1978 wurde sie als von sechs Frauen für das Programm ausgewählt – die Förderung von Frauen als Astronautinnen in dem Programm stand unter der Schirmherrschaft von Nichelle Nichols. Eine der anderen Astronautinnen war Sally Ride, die als erste US-Amerikanerin einen Weltraumflug unternehmen sollte; Resnik war enttäuscht, dass sie nicht die erste wurde, als Ride 1983 ins All startete. Sie nahm dafür ein Jahr später am Jungfernflug der Discovery teil und wurde damit die erste jüdische Frau im Weltraum. Resnik untersuchte während des einwöchigen Weltraumaufenthalts die Möglichkeit, Strom für zukünftige Weltraummissionen über Solarpanels zu gewinnen.

Am 28. Januar 1986 sollte Resnik mit sechs anderen Astronauten zu ihrem zweiten Weltraumbesuch kommen, es sollten Satelliten ausgesetzt werden, um den Halleyschen Kometen zu beobachten. Doch 73 Minuten nach dem Start brach die Challenger aufgrund einer defekten Dichtung auseinander. Was anschließend wie eine Explosion aussah, waren tatsächlich vorher komprimierte Gase, die sich nur explosionsähnlich ausdehnten – der Cockpitbereich mit den sieben Besatzungsmitgliedern blieb dabei unversehrt. Ob sie durch die plötzliche Dekompression ihrer Kapsel starben, als das Cockpit von der Rakete weggeschleudert wurde, oder erst, als sie damit fast drei Minuten später auf dem Atlantik aufprallten, ließ sich im Nachhinein nicht mehr feststellen.

Resniks Überreste waren die ersten, die identifiziert wurden. Sie wurde eingeäschert und ihre Asche in der Nähe des Aufprallortes im Ozean verteilt.

Eine umfassende Biografie auf Englisch findet sich im Jewish Women’s Archive.

9/2019: Bertha Pappenheim, 27. Februar 1859

Bertha Pappenheim

Bertha Pappenheim, geboren als Tochter wohlhabender jüdicher Eltern in Wien, lebte ein volles Leben, geteilt in zwei sehr unterschiedliche Abschnitte.

Ihre Kindheit war von einem schweren Verlust geprägt: Als Bertha acht Jahre alt war, starb ihre zehn Jahre ältere Schwester Henriette an Tuberkulose. Außerdem musste sie mit 16 Jahren die Schule verlassen, um ihrer Mutter im Haushalt zu helfen; dass ihr jüngerer Bruder weiterhin seine Bildung fortsetzen durfte, war eine weitere Verletzung für die junge Frau.

In der Sommerfrische 1880, die die Familie Pappenheim in Bad Ischl verbrachte, erkrankte ihr Vater schwer. Während einer Nachtwache an seinem Bett halluzinierte die besorgte Pappenheim und erlitt etwas, was damals als „Hysterie“ bezeichnet wurde – heute würde es als Nervenzusammenbruch gelten, der sich als dissoziative Identitätsstörung äußert.

Sie verlor ihre Sprache zeitweise ganz, zeitweise sprach sie nur noch Englisch oder Französisch, wobei sie jedoch weiterhin Deutsch verstand. Sie litt an Nervenschmerzen, Sehstörungen und Lähmungserscheinungen, konnte oder wollte zeitweise nicht essen, wechselte zwischen depressiven, ängstlichen Phasen und Zeiten der Gelöstheit, doch erinnerte sich jeweils in der einen Phase nicht an Ereignisse der anderen.

Erst nach mehreren Monaten dieses Leidens zog die Familie den Arzt Josef Breuer hinzu. Seine Behandlung bestand neben der Versorgung der physischen Bedürfnisse – gegen die Schmerzen erhielt Pappenheim Morphin und Chloral, was später zu einer Abhängigkeit führte – darin, sie unter Hypnose Geschichten erzählen zu lassen. Als ihr Vater im April des darauffolgenden Jahres starb, verfiel Pappenheim zunächst in Katatonie. Weiterhin verschlimmerte sich ihre „Hysterie“ so sehr, dass sie zwangsweise in ein Sanatorium eingeliefert wurde. Sie blieb auch nach ihrer Entlassung für ein weiteres Jahr, bis Juni 1882, in Breuers Behandlung.

In den „Studien zur Hysterie„, die Breuer gemeinsam mit Sigmund Freud 1895 veröffentlichte, ist ihr Fall als der der „Anna O.“ geschildert (zu diesem Namen kamen die Autoren, indem sie von ihren wirklichen Initialen B. P. im Alphabet einen Buchstaben zurückgriffen). Die an Pappenheim entwickelte Gesprächstherapie, das „Aberzählen“ der traumatischen Erinnerungsinhalte, wurde zur Basis der Psychoanalyse. Freud selbst bezeichnete die Patientin als „eigentliche Begründerin des psychoanalytischen Verfahrens“, da sie es war, die feststellte, dass sie das Sprechen über angstbesetzte Ereignisse entlastete. Sie nannte es einen chimney sweep (Kaminreinigung) oder eine talking cure (Redekur); als Katharsis-Theorie fand diese Form der Aufarbeitung Eingang in die psychoanalytische Praxis.

Pappenheim erzählte in der Zeit mit Breuer unter Hypnose täglich in Form von Geschichten und Beschreibungen ihrer Halluzinationen, dabei ging sie chronologisch rückwärts vor. Wenn sie bei dem erstmaligen Auftreten eines Symptoms oder einer Halluzination angekommen war, so schildert es Breuer, traten diese noch einmal verstärkt auf, um dann gänzlich zu verschwinden. Aufgrund dieser Entlastung eilte Pappenheim hoch motiviert durch die Therapie – Breuer selbst nannte es einen Ordal – um zu einem festgelegten Zeitpunkt mit der Therapie abzuschließen. Mit dem „Aberzählen“ einer Halluzination von schwarzen Schlangen in der Nacht, als sie bei ihrem kranken Vater gesessen hatte, sei sie vollständig geheilt gewesen, behauptete Breuer in seiner Bearbeitung.

Tatsächlich kehrten die Symptome ihrer Erkrankung zeit ihres Lebens, bereits im ersten Jahr nach ihrer Entlassung durch Josef Breuer, immer wieder auf. Pappenheim suchte regelmäßig freiwillig die Sanatorien auf, in denen sie in ihren Zwanzigern behandelt wurde. Schon Freud wusste davon, unter seinen Schülern löste diese Tatsache einen Streit um die wirkliche Wirksamkeit dieser Form der Therapie aus. Nichtsdestotrotz ist das Sprechen über Verletzungen in der Biografie noch immer Bestandteil vieler Formen der Psychotherapie – die Erkenntnis, wie aus bestimmten Ereignissen in der Vergangenheit Glaubenssätze oder Verhaltensweisen entwickelt wurden, die in der aktuellen Lebenslage schädlich oder unproduktiv sind, kann Therapiepatienten auch heute noch helfen.

Pappenheim war, abgesehen von ihrer psychischen Disposition, eine starke Persönlichkeit. Intelligent, willensstark, engagiert, zog sie nach ihrer psychoanalytischen Behandlung aus, um große Dinge für junge jüdische Frauen zu tun. Einen Widerspruch zwischen ihrem Charakter und ihrem Leiden sieht nur, wer psychische Krankheiten für ein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Intellekt hält. In Wirklichkeit ist es für eine kluge, ehrgeizige junge Frau eine verständliche Reaktion, unter den Einschränkungen, die eine patriarchalische Gesellschaft ihr auferlegt, zusammenzubrechen und in eine Dissoziation von der schmerzlichen Wirklichkeit zu flüchten. Ihre Freunde und Anhänger, Verehrer ihrer Leistungen in der deutschen jüdischen Gemeinde, reagierten empört auf die Entdeckung, dass es sich bei dem Fall „Anna O.“ um Pappenheim handelte, und sie selbst sprach nie über diesen Lebensabschnitt, lehnte auch für andere die Möglichkeiten einer Psychoanalyse oder -therapie vehement ab. Der Grund dafür ist wohl ganz einfach das Stigma, das noch heute auf psychischen Erkrankung lastet: Als wären Depressionen, Angstzustände, dissoziative Störungen und dergleichen eine eigene, unkluge Wahl der Lebensführung oder Zeichen einer defizitären Persönlichkeit.

Nach einem Aufenthalt in einer Privatklinik am Bodensee, direkt im Anschluss an die von Breuer beendete Therapie, besuchte Pappenheim Familie in Karlsruhe. Ihre Cousine Anna Ettlinger war eine der Mitbegründerinnen des Mädchengymnasiums vor Ort und förderte die Interessen und Talente Pappenheims, außerdem besuchte die 23-jährige kurzfristig eine Schule für Krankenpflegerinnen, konnte die Ausbildung jedoch nicht abschließen. Der Aufenthalt in einer Umgebung, die Frauen nicht auf ihre Aufgaben im Haushalt und der Ehe reduzierten, tat Pappenheim offenbar gut, denn sie wurde kurz darauf aus der Klinik entlassen. Die folgenden sechs Jahre lebte sie mit ihrer Mutter in Wien und besuchte noch drei weitere Male das Sanatorium, in dem sie zu Beginn ihrer Therapie behandelt worden war.

Mit einem Umzug nach Frankfurt 1888 begann Pappenheim eine Karriere in der jüdischen Frauenbewegung. Inzwischen 29, veröffentlichte sie eigene Texte, übersetzte Mary Wollstonecrafts A vindication of the rights of woman, engagierte sich politisch und sozial; von der Mitarbeit in einer Armenküche arbeitete sie sich in sieben Jahren zur Leitung eines Waisenhauses hoch. In den kommenden Jahren konnte sie sich mit ihrer Tätigkeit in der jüdischen Frauenbewegung von der gesellschaftlichen Erwartung befreien, einen Mann heiraten zu müssen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sie, sich vor allem gegen den Mädchenhandel innerhalb der jüdischen Gemeinschaft einzusetzen – und zwar nicht nur für die Opfer, jüdische Mädchen, sondern auch gegen die jüdischen Männer unter den Tätern. 1904 wurde sie zur ersten Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbundes gewählt, in dem sie bis zu ihrem Tod aktiv blieb. In dieser Position wurde sie zu einer zentralen Figur in der feministischen Bewegung im Judentum, die nicht nur mit unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Religion, sondern auch mit dem jahrhundertelang gefestigten Patriarchat zu ringen hatte. Nach 13 Jahren war Pappenheim zermürbt davon, dass die wohltätige Arbeit beständig von politischen oder theologischen Differenzen behindert wurde, und veranlasste mit ihren öffentlichen Aussagen dahingehend die Gründung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

Als ihre wichtigste Arbeit betrachtete sie das Mädchenwohnheim in Neu-Isenburg, in welchem jüdische Mädchen eine Heimat fanden, die in Gefahr waren, dem Mädchenhandel zum Opfer zu fallen. Eingebunden in die jüdische Tradition, sollten die jungen Frauen hier zu Selbständigkeit erzogen und in ein eigenverantwortliches Leben begleitet werden. Das Haus war dafür eingerichtet, den Vorschriften des Judentums im Alltag folgen zu können. Was mit zehn Bewohnerinnen im Jahr 1904 begann, gelang es Pappenheim in zwanzig Jahren – nur mit Spenden – zu einem Zuhause für 152 ansonsten obdachlose Frauen zu machen. Die Kinder dieser Frauen wurden in einer nahegelegenen Klinik geboren, lebten mit ihnen dort und gingen auf die Volksschule in Neu-Isenburg.

Auch wenn sie sich als gebildete und ehrgeizige Persönlichkeit in ihrer politischen Arbeit verwirklichen konnte, der Verzicht auf eine Ehe oder die Liebe war ihrerseits nicht freiwillig. Wenigsten in den letzten Jahren pflegte sie, zeitweise nur über Briefe, eine enge Beziehung zu ihrer 38 Jahre jüngeren Kollegin und Mitstreiterin Hanna Karminski, die sie auch in den Monaten vor ihrem Tod pflegte. Bereits von Krebs geschwächt, reiste Pappenheim noch ein letztes Mal an die Orte früherer Wirkungsstätten. Noch sechs Wochen bevor sie starb, bot sie der Staatspolizei des Hitlerregimes die Stirn: Eine junge, geistig behinderte Frau aus ihrem Neu-Isenburger Wohnheim hatte abfällig über Adolf Hitler gesprochen, doch nachdem Pappenheim zum Verhör angetreten war, wurde die Sache fallen gelassen. Am 28. Mai 1936 starb Pappenheim und musste so nicht mehr miterleben, wie die Kinder ihres Heimes der Volksschule Neu-Isenburg verwiesen wurden, wie die NSDAP die Auflösung des Heimes betrieb, es schließlich am Tag nach der „Reichskristallnacht“ angegriffen und niedergebrannt wurde. Es blieb ihr erspart mitzuerleben, wie die Bewohnerinnen des Heims in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden und ihre Freundin Karminski im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Die Biografie „Anna O. – Bertha Pappenheim“ von Marianne Berntzel, erschienen 2003, wurde im Büchermarkt vom Deutschlandfunk besprochen. Der FrauenMediaTurm hat ebenfalls einen ausführlichen Beitrag zu ihrer Biografie.

Bild: Von Unidentified photographer – Albrecht Hirschmüller: Physiologie und Psychoanalyse im Leben und Werk Josef Breuers. Jahrbuch der Psychoanalyse, Beiheft Nr. 4. Verlag Hans Huber, Bern 1978. ISBN 3456806094., Gemeinfrei

8/2019: Agnes Arber, 23. Februar 1879

Agnes Arber

Agnes Arber – in Kürze – war 1946 die erste Botanikerin, die als „Fellow“ in die Royal Society (bestehend seit 1660) gewählt wurde (die erste Frau überhaupt war 1945 Kathleen Lonsdale, eine Kristallographin, die zweite 1946 die Biochemikerin Marjory Stephenson) und 1948 die erste Frau, die die Gold-Medaille der Linnean Society of London erhielt (Vergabe der Medaille seit 1888), bei der sie seit 1908 Mitglied war.

Die Tochter eines Lehrers und Künstlers lernte bei ihrem Vater das Zeichnen, das ihr später erlaubte, ihre Werke selbst zu illustrieren. Ihr Interesse an Botanik erweckte ihre Lehrerin Edith Aitken. Mit 15 Jahren gewann sie ein Stipendium für ihre botanischen Untersuchungen und traf im Wissenschaftsclub ihrer Schule auf Ethel Sargant, Botanikerin und später erste Frau im Vorstand der Linnean Society. Die 16 Jahre ältere Wissenschaftlerin sollte Arber zur Mentorin und Fördererin werden.

Mit 18 begann Arber ihr Studium am University College London, nach einem Bachelor-of-Science-Abschluss dort ging mit sie mit einem Stipendium an das Newnham College der Universität Cambridge. Insgesamt schloss sie ihr Studium 1905 an beiden Universitäten mit einem Magister Artium und einem Doctor of Science ab. Schon während ihres Studiums und im Anschluss daran arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Sargants Botaniklabor.

Bis 1942 war die Morphologie und vergleichende Anatomie vor allem der Einkeimblättrigen ihr Forschungsgebiet. Nach einem ersten Buch über die Geschichte und Entwicklung von Kräuterbüchern im Jahr 1912 veröffentlichte sie bis 1934 drei Bücher über Einkeimblättrige, Wasserpflanzen (aquatic angiosperms) und Süßgräser (Graminae). Die Forschungen dazu betrieb sie zu großen Teilen in ihrem eigenen Labor zu Hause. Als der Zweite Weltkrieg die Materialien knapp werden ließ, wandte sie sich der Wissenschaftsphilosophie zu. Sie schrieb über historische Botaniker und befasste sich mit Goethes Gedanken zur Botanik. In ihrem vorletzten Buch erarbeitete sie eine Methodik der biologischen Untersuchungen, darin greift sie der Erkenntnis Thomas S. Kuhns vor, dass die Interpretation von Forschungsergebnissen unter dem Einfluss der bestehenden wissenschafltichen Erkenntnisse und Meinungen stattfindet. Ihr letztes Buch bringt künstlerische, wissenschaftliche und philosophische Gedanken zusammen, um ihre holistische Erfahrungen zu verarbeiten.

Agnes Arber war in kurzer, aber glücklicher Ehe verheiratet mit einem Paläobotaniker (er starb jung) und hatte aus dieser Beziehung eine Tochter. Sie starb 1960 im Alter von 81 Jahren. Die Seite famousscientists.org hält eine weitere Biografie bereit; die Masters of Malt haben einen Gin im Sortiment zu ihren Ehren, der allerdings lecker klingt.

Bild: By Source, Fair use

5/2019: Edith M. Flanigen, 28. Januar 1929

Edith M. Flanigen Barack Obama

Edith M. Flanigen entdeckte ihre Begeisterung für die Chemie – gemeinsam mit ihren beiden Schwestern – durch eine Lehrerin in der High School. Alle drei studierten Chemie an der Syracuse University; Edith schloss ihr Studium schließlich mit 23 Jahren als Master of Science ab. Sie begann bei Union Carbide, einem Unternehmen der Chemie-Industrie, zu arbeiten, zunächst mit der Aufgabe, Silikonpolymere (Molekülketten aus Siliziumverbindungen) zu identifizieren, zu reinigen und zu gewinnen, vier Jahre später wurden Molekularsiebe ihr Themenschwerpunkt: Chemische Stoffe, in denen die Moleküle derart in einer Gitterform angeordnet sind, dass die Atome anderer Elemente darin hängenbleiben und somit aus einer Verbindung herausgesiebt werden.

Zeolith Y, synthetisches Faujasit
By Hermann Luyken – Own work, CC0

Nach 17 Jahren Arbeit in diesem Bereich wurde sie 1973 die erste weibliche wissenschaftliche Mitarbeiterin, zehn Jahre später die erste weibliche Leitung einer Arbeitsgruppe bei Union Carbide. In den insgesamt 42 Jahren, die sie bei Union Carbide tätig war, entwickelte sie über 200 synthetische Stoffe, darunter Zeolith Y, der synthetischen Form des Faujasit, und einen synthetischen Smaragd, der als Schmuckstein und bei Lasern im Mikrowellenbereich zum Einsatz kommt. Sie ist Inhaberin von über 100 Patenten (USA), war die erste Frau, die die Perkin Medal erhielt, und bekam 2012 die National Medal of Technology and Innovation von Barack Obama verliehen.

Trotz dieser anerkannten Leistungen: Wer ihren Namen nicht kennt, wird auch über das von ihr entwickelte Zeolith Y nicht auf sie stoßen. Laut des englischen Wikipedia-Eintrages ist sie „best known as the inventor of Zeolith Y„, doch der Link zu Zeolith Y wird weitergeleitet zu seiner in der Natur auftretenden Form Faujasit; laut des deutschen Wikipedia-Eintrages war sie „maßgeblich beteiligt an der Entwicklung“ von Zeolith Y, zu dem es auch tatsächlich einen Eintrag gibt – in dem sie namentlich überhaupt nicht vorkommt, sondern stattdessen ein Donald Breck als derjenige genannt wird, dem es gelang, den Stoff zu synthetisieren. Zu Donald Breck gibt es jedoch weder einen englischen noch einen deutschen Wikipedia-Eintrag. Auch wenn man das von ihr erfundene Molekularsieb googelt, stößt man so gut wie nie auf ihren Namen (unter dem Link: die eine englischsprachige Seite, auf der „EM Flanigen“ in den references genannt wird; unter anderen).

Ich weiß, dass Wikipedia nicht den Wissenskanon ganzer wissenschaftlicher Forschungs- und Fachbereiche abdecken kann. Dennoch vermute ich hier den Matilda-Effekt, der dafür sorgt, dass die Beteiligung oder Errungschaften weiblicher Wissenschaftlerinnen zugunsten ihrer männlichen Kollegen, Vorgesetzten und/oder Arbeitgeber verschwiegen oder verleugnet wird. Ich bin selbst keine geübte und schon gar nicht registrierte Wikipedia-Lektorin, aber das wäre mal eine kleine, aber sinnvolle Aufgabe, Edith M. Flanigen in den entsprechenden Artikeln zu ihrer Erfindung zu verlinken.

Bild: By U.S. White House, Public Domain

4/2019: Tatiana Avenirovna Proskouriakoff, 23. Januar 1909

Tatiana Avenirovna Proskouriakoff

Tatiana Avenirovna Proskouriakoff war sechs Jahre alt, als sie mit ihren Eltern, einem Chemiker und einer Ärztin, aus Russland in die USA übersiedelte; ihr Vater war vom Zar beauftragt, die Munitionsproduktion beim Alliierten im Ersten Weltkrieg zu überwachen. Nach der Russischen Revolution 1917 war es der Familie unmöglich, in ihre Heimat zurückzukehren, und Tatiana wuchs als amerikanische Staatsbürgerin an der Ostküste der Vereinigten Staaten auf.

Mit 17 begann Proskouriakoff ihr Architekturstudium an der Pennsylvania State University (damals noch College) und schloss dort 1930 mit 21 als einzige Frau ihres Jahrgangs das Grundstudium ab. Sie begann, als archäologische Illustratorin zu arbeiten und kam so als Mitarbeiterin des Maya-Archäologen Linton Satterthwaite an die Piedras Negras in Guatemala.

Ihre Aufgabe war es, Zeichnungen zu erstellen davon, wie die Gebäude einst aussahen, deren Ruinen Satterthwaite untersuchte. Sie erfüllte diese Aufgabe mit beeindruckender Klarsicht, doch ihr größter Beitrag zur Archäologie der Maya war ein anderer. Sie hatte die Doktorarbeit eines jungen sowjetischen Ägyptologen gelesen, Juri Knosorow, der sich mit der bis dahin unentzifferten Maya-Schrift befasst hatte und zu wegweisenden Schlüssen über die Art der Glyphen gekommen war. Allerdings war Knosorows Arbeiten vom sowjetischen Regime mit politischen Konnotationen veröffentlicht worden und wurden gemeinhin, insbesondere vom führenden britischen Archäologen Eric Thompson, als marxistische Propaganda abgelehnt.

Der russisch-stämmige Proskouriakoff jedoch verhalf die Vorarbeit Knosorows zu der Erkenntnis, während sie ihre Zeichnungen anfertigte, dass es sich bei den stets wiederholten Glyphen und bereits identifizierten Zahlen um Daten handelte: Um Geburt, Regierungsdauer und Tode der Maya-Könige. Es gelang ihr, anhand der Forschung Knosorows und eigener Untersuchungen, eine Abfolge von sieben Maya-Königen innerhalb einer Zeitspanne von 200 Jahren zu isolieren und einige Worte zu identifizieren; aufgrund dieser Zusammenhänge konnte die Maya-Schrift inzwischen bis zu 80 Prozent übersetzt werden.

Proskouriakoff starb 1985 mit 76 Jahren; doch erst dreizehn Jahre später, am Ostersonntag 1998, konnte ihr Kollege David Stuart ihren letzten Wunsch erfüllen, nämlich dass ihre Asche am Fuße der Akropolis in Piedras Negras beerdigt werden sollte – zuvor hatte politischer Unfrieden diese Beisetzung verhindert.

Zur Entzifferung der Maya-Schrift gibt es einen Dokumentarfilm, die Trailer dazu sind auf YouTube zu sehen.

Bei der Beschäftigung mit der Maya-Schrift fällt auf, wie die christlich-abendländische Kultur heute darum bemüht ist, die Schäden wieder notdürftig zu beheben, die ihre Kolonisation angerichtet hat: Als die Spanier nach Südamerika kamen, gab es unter den Maya noch zahlreiche derer, die diese Schrift lesen konnten. Mit der katholischen Kirche kam das Verbot, die „heidnischen Zeichen“ zu verwenden, und der Bischof von Yucatan Diego de Landa ließ 1562 alle in der Schrift verfassten Codices, derer er habhaft werden konnte, verbrennen. Von den auf Huun verfassten Schriftstücken existieren nach wissenschaftlicher Kenntnis nur noch vier. Die Forschungen nach dem verlorenen Wissen wurde lange Zeit dominiert von amerikanischen und europäischen Wissenschaftlern; auch diese Spätfolge der Kolonialzeit wird in den Bildern des Dokumentarfilms überdeutlich.

Bild: By Ms. Char Solomon, biographer of Ms. T Proskouriakoff, and owner of site the image is sourced from

2/2019: Eden Atwood, 11. Januar 1969

Eden Atwood ist eine Jazzsängerin, der die Musik in die Wiege gelegt wurde: Ihr Vater war Komponist und Arrangeur von Werken, die Nat King Cole und Frank Sinatra sangen.

Für mich interessanter ist allerdings etwas anderes, das ihr auch in die Wiege gelegt wurde: Atwood kam mit Androgenresistenz auf die Welt, ein Phänomen, das zu den unterschiedlichen Formen der Intersexualität gehört. Atwood beispielsweise, die mit dieser Tatsache offen umgeht und sich auch politisch engagiert, hat aufgrund einer Veränderung im Erbgut XY-Chromosomen, würde also bei einer Genanalyse als Mann identifiziert werden. Durch die Abweichung in ihrem Chromosomensatz bildet ihr Körper zwar männliche Hormone, so genannte Androgene, diese werden jedoch von ihren entsprechenden Rezeptoren nicht gelesen. Infolgedessen haben Menschen mit Androgenresistanz je nach Ausprägung des Phänomens unterschiedlich schwache oder ganz ausbleibende Ausbildung maskuliner Merkmale; Atwood hat durch eine komplette Androgenresistenz zum Beispiel von Geburt an keine männlich ausdifferenzierten Genitalien.

Intersexualität unterscheidet sich von Transgender oder Transsexualität: Während  transgender oder transsexuelle Personen im Phänotyp eindeutig auf einem Ende des binären Geschlechterspektrums liegen, identifizieren sie sich aber kognitiv mit keinem oder dem binär gedacht anderen Geschlecht. Bei Intersexualität liegt eine in irgendeiner Form medizinisch prüfbare biologische Abweichung von der „normalen“ Geschlechtsentwicklung vor, das heißt chromosomal, gonadal, hormonell oder anatomisch bedingt liegen Genitalien oder sekundäre Geschlechtsmerkmale in einer Form vor, die sich nicht eindeutige Extreme der herkömmlich angewandten Skalen darstellen (etwa dem Orchidometer/dt., der Quigley-Skala/engl. oder der Prader-Skala/engl.). In der Gesamtheit sind geschätzt 1,7% der Menschheit in einer der genannten Formen intersexuell – gegenüber der cissexuellen Mehrheit zwar selten, jedoch nur in dem Maß, wie auch echte Rothaarige selten sind.

Eden Atwood spricht selbst seit einiger Zeit offen über ihre Intersexualität (Link zu englischsprachigem Video, ca 9min.). Von diesem Interview aus bin ich bei der Recherche zu diesem Post in ein rabbit hole aus bewegenden und informativen YouTube-Beiträgen gefallen:

• Der Kanal von Pidgeon, auf dem Pidgeon über eigene Erfahrungen und die politische Arbeit für die Akzeptanz von Intersexualität erzählt
• Die Dokumentation Intersexion (Englisch, ca. 50min.), die auch eine eigene Webseite hat, in der Betroffene ihre sehr unterschiedlichen Lebens- und Leidensgeschichten darlegen
• Ein Quarks-Beitrag (Deutsch, ca. 5min.) über einex Jugendlichex, dexen Eltern sich gegen medizinisch unnötige Eingriffe entschieden haben
• Die arte-Dokumentation „Nicht Frau nicht Mann“ (Deutsch, ca. 57min.), in der vor allem Ins A Kromminga und einx französischex Intersexuellx, aber auch eine internationale queere Gemeinschaft in ihrer Verletzlichkeit gezeigt werden, aber auch in ihrer Kreativität im Umgang mit sich selbst und den Schwierigkeiten in einer binär geprägten Welt

Ein Name, der vor allem in der internationalen Intersexuellen-Gemeinschaft immer wieder mit großer Ablehnung verbunden ist, ist John Money – der mir bereits von der BBC Dokumentation über David Reimer unangenehm bekannt war. Nach Moneys Meinung – und dem Wunsch vieler Mediziner, auch heute noch, „klare Verhältnisse“ schaffen zu wollen – sollten Säuglinge mit „nicht eindeutigen“ Genitalien möglichst früh operativ einem Geschlecht „zugeführt“ werden. Den Gedanken, dass Geschlecht nicht notwendigerweise biologisch, sondern gesellschaftlich geprägt sei, pervertierte er dahingehend, dass sich Kinder dann schon als dem Geschlecht zugehörig fühlen würden, als das sie großgezogen würden, wenn man sie nur streng genug dazu erziehe. Dass es nicht so einfach ist mit der Biologie und der Identität, insbesondere in den Fällen, in denen schon die Biologie nicht binär funktionieren wollte, das bezeugen die Geschichten der Erzählenden. Nicht nur von traumatischen, in den Bereich von sexuellem Missbrauch fließend übergehenden medizinischen Behandlungen erzählen die Betroffenen, was bereits schmerzhaft und erschütternd zu hören ist. Auch und vor allem die Scham, mit der alles „dort unten“ als krankhaft und nicht normal stigmatisiert wird, verstärkt durch körperliche Konsequenzen der (in den meisten Fällen unnötigen) Operationen und das Verbot, mit anderen über ihren „Zustand“ zu sprechen, wird spürbar – und wie sehr Ärzt*innen in vielen Fällen auch das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern zerstören, wenn sich die Eltern nicht stringent und von Anfang an dagegen wehren: Die Eltern wurden und werden zum Teil selbst angelogen, zum Teil waren und sind sie einfach nur ahnungslos, verwirrt, verängstigt, weil ihr Kind nicht „normal“ ist und nicht in die Binarität einzuordnen. Da wurde zum Schweigen und Lügen angestiftet und auch den Kindern das Schweigen und Lügen geboten, die Ärzt*innen sprechen nicht offen mit den Eltern und wenn sie es tun, untersagen sie ihnen, offen mit den Kindern zu sprechen. Eine anatomische, biologische Seltenheit, die keine schwerwiegenden gesundheitlichen Konsequenzen haben müsste, schiebt sich wie ein Schatten über die Familie – und die Menschen, die liebevoll und unterstützend miteinander umgehen sollten, werden auseinander gedrängt, verlieren ihr Vertrauen ineinander und können nicht mehr miteinander sprechen.

Das Leiden, das Intersexualität in der binären abendländischen Kultur hervorruft, ist unnötig. In anderen Kulturen sind dritte oder mehrere Geschlechter gängig und akzeptiert. In der Intersexional-Dokumentation wird gezeigt, wie „normal“ im Sinne von gesund und mit sich selbst im Reinen Intersexuelle aufwachsen können, wenn der Zwang zur Binarität nicht ausgeübt wird. Damit unsere Gesellschaft offener und toleranter wird und intersexuell geborene Kinder in der Zukunft heil gelassen werden, ihnen die Möglichkeit einer eigenen Identifikation offen gelassen wird, dafür setzen sich in Deutschland unter anderem der Verein Intersexuelle Menschen e.V. ein; die dritte Option führt eine Kampagne für den dritten, offenen Geschlechtereintrag in Geburtsurkunden. Im vergangenen Jahr 2018 konnten sie bereits den Erfolg verzeichnen, dass „divers“ als dritte positive Möglichkeit in Geburtsdokumenten angegeben werden kann, allerdings kämpfen sie nun noch mit den Wünschen der Bürokratie, das dies zum Beispiel erst nach einem ärztlichen Attest geschehen könne. Zwischengeschlecht.info ist ein extensives Blog mit Links zu weiteren Vereinen und Bloggern.

Eden Atwood – um zum ursprünglichen Anlass für diesen Post zurück zu kommen – begründete mit Jim Ambrose The Interface Project, eine Organisation und Webseite, auf der Intersexuelle ihre vielseitigen Gesichter zeigen und ihre vielseitigen Geschichten erzählen können.

Wichtig ist mir das Thema – abgesehen vom schlichten humanistischen Ansatz, dass jeder Mensch seine Persönlichkeit frei entfalten können sollte – , weil ich mir wünsche, dass Ärzt*innen angesichts intersexueller Säuglinge, die ihre eigene Identifikation noch nicht zum Ausdruck bringen können, nicht mehr über den Willen der Eltern hinweg – oder auch mit der Einwilligung der Eltern – zuallererst das Messer zücken und Genitalien zerstören, weil sie sich nicht weit genug an einem Ende einer altertümlichen Skala befinden; dass gesunde, non-binäre Körper nicht verletzt werden für die Seelenruhe und das ästhetische Empfinden Erwachsener. Dass Kinderkörper nicht mehr für die Erhaltung einer binären, patriarchalischen Denkweise verletzt werden.

1/2019: Elisabeth Trube-Becker, 4. Januar 1919

Elisabeth Trube-Becker promovierte mit 23 Jahren, mitten im Zweiten Weltkrieg, als Doktorin der Medizin und erlangte neun Jahre später am Institut der Rechtsmedizin der Universität Düsseldorf ihre Habilitation. Schon kurz darauf erhielt sie als erste Frau in diesem Fachbereich den Ruf auf eine Professur ebenda.

Gleich zu Beginn ihrer Arbeit am Institut, noch vor Ende der 1940er Jahre, hatte sie erreicht, dass die Leichname von Kindern, die offensichtlich durch Misshandlung zum Tode gekommen waren, im Institut obduziert wurden und die Befunde rechtsmedizinisch dokumentiert wurden. Nachdem sie Professorin geworden war, erweiterte sie diese Neuerung auf alle Fälle, in denen die Todesursache des Kindes ungeklärt war. Dank ihrer Beharrlichkeit und ihrem Willen, sich mit den schrecklichen und traurigen Seiten des Familienlebens zu befassen, wurde das Thema Kindesmissbrauch und -misshandlung in Medizin und Medien bewusster und sensibler betrachtet.

Trube-Becker wollte nicht nur Aufmerksamkeit für die Opfer, sie wollte auch verstehen, was die Täter*innen ausmacht – um dort mit einer Vorsorge angreifen zu können, die die möglichen Opfer beschützt. So bildete sie sich im Bereich der Psychiatrie und Psychotherapie fort; dabei baute sie auch negative und positive Vorurteile ab, als sie festhielt, dass Kindesmisshandlungen und Missbrauch kein Phänomen sind, das auf ärmere oder bildungsfernere Familien beschränkt ist. Überforderung der Eltern als ausschlaggebendes Moment in Gewaltsituationen hat nichts mit Status oder Einkommen zu tun, sondern mit dem gesellschaftlichen Druck einerseits und der individuellen Ausgangslage andererseits.

Die Ärztin hatte selbst eine große Patchwork-Familie und schrieb neben nach ihren medizinischen Veröffentlichungen auch ihre Biografie und Gedichte. Sie starb 2013 im Alter von 94 Jahren in Neuss.

Elisabeth Trube-Becker ist unter anderem auch in Antje Kahnts Buch „Düsseldorfs starke Frauen“ im Droste-Verlag vertreten.

12/2018

2. Dezember 1083: Anna Komnena

Die Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos mit dessen Frau Irene Dukaina kam als ältestes von sieben Kindern in der Porphyra zur Welt, dem aus rotem Gestein erbauten Gebäude innerhalb des Großen Palastes in Konstantinopel, das für die Geburten der kaiserlichen Nachkommen vorbehalten war. (Es ist nicht klar zu benennen, ob der Begriff der Purpurgeburt – einer Geburt innerhalb der Herrschaft des Vaters – auf dieses Gebäude zurückgeht oder ob das Gebäude deshalb aus purpurem Gestein gebaut wurde, weil diese Farbe die kaiserliche Herrschaft symbolisierte.)

Direkt nach der Geburt wurde sie mit Konstantin Dukas verlobt, der als Sohn des Michael VII. zu diesem Zeitpunkt noch Mitkaiser und Thronfolger war. Diese Verbindung sollte vor allem die Rechtmäßigkeit der Herrschaft Alexios‘ I. untermauern, der den Thron vom Vorgänger usurpiert hatte; die adelige Dukas-Familie hatte mehrere byzantinische Kaiser gestellt. Wie für ihre Kultur üblich, wuchs Anna im Haus ihrer Schwiegermutter auf – Maria von Alanien, der pikanterweise ein Verhältnis mit Alexios I. nachgesagt wird. Als jedoch Annas Bruder Kaloioannes geboren wurde, gab es einen blutsverwandten Thronfolger: Alexios I. entzog Konstantin die Regentschaft und schickte Maria von Alanien ins Kloster (möglicherweise auch, weil sie Intrigen spann, ihn zu entmachten). Konstantin nahm diese Entscheidungen nicht übel und zog sich dem Kaiser weiterhin wohlgesonnen nach Zentralmakedonien zurück.

Anna wurde entgegen den eigenen Vorstellungen mit Nikephoros Bryennios, einem Militär und Geschichtsschreiber, verheiratet. Sie genoss eine ausführliche Bildung in Naturwissenschaften, Philosophie und Musik und war mehr an eigenen Projekten interessiert als an der Ehe. Ihr Vater hatte ihr die Leitung eines Krankenhauses und Waisenhauses anvertraut und sie unterrichtete dort auch; außerdem war sie eine Expertin für Gicht und pflegte ihren daran erkrankten Vater. Von ihren Lehrern und Zeitgenossen wurde sie als gebildete und intelligente Person hoch geschätzt.

Nicht ganz so uninteressiert war sie jedoch an ihrem eigenen Status, da sie gegen ihren Bruder und, seit dem Alter von fünf Jahren, offiziellen Thronfolger Kaloioannes („der schöne Johannes“) eine Abneigung pflegte und mit ihrer Mutter darauf hinarbeitete, ihm den Thron vorzuenthalten. Über die Weigerung ihres Mannes, gegen den inzwischen bettlägerigen Kaiser Alexios I. und seinen Thronfolger zu intrigieren, klagte sie, ihre Geschlechter seien vertauscht, da er von ihnen beiden die Frau hätte sein sollen. Kaloioannes erhielt jedoch – auf welche Weise auch immer – den Siegelring seines Vaters und wurde nach dessen Tod zum Kaiser gekrönt. Obwohl Anna und ihre Mutter erneut versuchten, Nikephoros zur Usurpation zu bewegen, scheiterte ihr Vorhaben und Kaloioannes verbannte die beiden Frauen in Kloster.

In dieser politisch stillgelegten Situation übernahm sie, nachdem ihr Mann starb und ein unvollständiges Werk über die byzantinische Geschichte hinterließ, die Geschichtsschreibung über die Regierungszeit ihres Vaters. Vieles in der 15 Bücher starken Alexiade konnte sie nur aus Erzählungen und Augenzeugenberichten zusammentragen, wobei sie natürlich vor allem das gute Bild ihres Vaters als Befehlshaber und Kaiser im Sinn hatte. Dennoch ist ihr Werk historisch unschätzbar wertvoll, da es die einzige Nacherzählung des Ersten Kreuzzuges aus Sicht der Byzantiner darstellt.

Anna Komnena starb in den frühen 50er Jahren des 12. Jahrhunderts und hinterließ mit der Alexiade ein auch literarisch hochwertiges Geschichtswerk, in dem sie in attischem Griechisch, mit Zitaten aus der Bibel und von Homer gespickt, nicht nur historische Ereignisse schildert, sondern auch Einblicke in ihre eigene Gedanken- und Gefühlswelt gibt.

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8. Dezember 1880: Rokeya Sakhawat Hussain

Geboren wurde Rokeya mit dem Nachnamen Khatun in dem Teil von Britisch-Indien, das heute Bangladesch ist. Ihre Eltern waren wohlhabende, gebildete Moslems und zogen es vor, Persisch oder Arabisch zu sprechen, Bengalisch war zwar die Sprache der Massen, aber eben darum auch in der Oberschicht verpönt. Als ihre ältere Schwester Karimunnesa, später ebenfalls Schriftstellerin, Bengalisch studieren wollte, untersagten ihre Eltern dies; der älteste Bruder Ibrahim jedoch unterrichtete seine beide Schwesten in der Sprache und hatte damit großen Einfluss auf ihre Entwicklung und ihren Erfolg.

Mit 16 heiratete Rokeya Khan Bahadur Sakhawat Hussain, einen Friedensrichter, der selbst Urdu, die „Sprache des gebildeten Hofes“ sprach. Wie ihr älterer Bruder, so ermunterte sie auch ihr Mann in ihrer Bildung und literarischen Entwicklung. Auf seinen Vorschlag hin schrieb sie ihr erstes Buch, „Pipasa“ (Durst), auf Bengalisch, sodass sie eine breite Bevölkerung erreichen konnte. Unter anderem schrieb sie danach ein Buch namens Sultanas Traum, das sich von seiner Zusammenfassung liest wie eine frühere, bengalische Version von Gerd Brantenbergs „Töchter Egalias“: die Geschlechtervorzeichen sind verdreht, die Frauen das dominierende Geschlecht.

Nach 13 Jahren Ehe starb ihr Mann. Zu Lebzeiten hatte er ihr ermöglicht, Geld für eine Schule zur Seite zu legen, an der sie muslimische Mädchen unterrichten könnte. Nach seinem Tod schritt sie zur Tat und gründete das Sakhawat-Denkmal-Mädchengymnasium in der Heimatstadt ihres Mannes Baghalpur. Nach Erbstreitigkeiten mit der Familie ihres Mannes musste sie die Schule aus dem urdusprachigen Gebiet in die bengalische Stadt Kolkata verlegen; dort ist die Schule noch heute eines der beliebtesten Gymnasien der Stadt.

Sakhawat Hussain schrieb neben ihren Romanen auch vielseitige Formate zur Verbreitung ihres islamischen Feminismus. Sie legte besonderes Augenmerk auf die Unterdrückung bengalischer Frauen und vertrat die Ansicht, dass Frauen Allah am besten die Ehre erweisen könnten, wenn sie sich ganz als Person entfalten dürfen. Nur mit der freien Berufswahl der Frauen könnte die Entwicklung der gesamten muslimischen Bevölkerung des indischen Subkontinents voranschreiten. Sie gründete den Anjuman-e-Khawateen-e-Islam, den islamischen Frauenverband, der sich mit Konferenzen und Podiumsdiskussionen für diese Sache einsetzte.

Sie starb mit auf den Tag 52 Jahren an einem Herzleiden. Ihr Todestag, der 9. Dezember, wird in Bangladesch zu ihren Ehren gefeiert.

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15. Dezember 1948: Patricia Cowings

Die afroamerikanische Tochter eines Lebensmittelhändlers und einer Kindergärtnerin kam in der Bronx (New York) zur Welt, zu einem Zeitpunkt, als diese sich von einem Bezirk der Mittelschicht in ein Arbeitviertel verwandelte. In den 1960er Jahren, als Cowings schulpflichtiger Teenager war, galt die Bronx dann als sozialer Brennpunkt und war berüchtigt für ihre hohe Kriminalitätsrate. Cowings Eltern legten daher als Ausweg aus diesem Umfeld großen Wert auf ihre schulische Bildung. Sie entdeckte früh ihre Liebe zu den Naturwissenschaften und studierte Psychologie, später auch Psychophysiologie an einer Universität in New York; ihre Tante, die einen Doktortitel innehatte, inspirierte und motivierte sie dabei, sodass auch Cowings schließlich mit einem Doktortitel abschloss.

In einem Ingenieurskurs, der den Aufbau des Space Shuttles zum Inhalt hatte, machte sie mit ihren spezifischen Beiträgen aus psychologischer Sicht Eindruck, und entdeckte sie ihre Begeisterung für die Raumfahrt. Sie wurde als erste Afroamerikanerin als Wissenschaftsastronautin ausgebildet, kam aber nie zum praktischen Einsatz. Stattdessen jedoch trug sie maßgeblich zur Verbesserung der Gesundheit von Astronauten bei: Sie entwickelte erfolgreich ein System autogenetischer Feedback-Übungen (AFTE, autogenetic feedback training exercises), mit dem die Menschen in der Schwerelosigkeit innerhalb von sechs Stunden lernen konnten, bis zu 20 Körperfunktionen zu erkennen und zu beeinflussen, die für die Raumkrankheit verantwortlich sind. Mit Hilfe dieser Übungen können die Astronauten die unangenehmen Symptome wie Übelkeit, Schwindel und Ohnmacht vermeiden.

Cowings Übungssystem hilft inzwischen auch Krebspatienten, die unter Chemotherapie mit den gleichen Nebenwirkungen zu kämpfen haben.

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19. Dezember 1875: Mileva Marić

Als Kind wohlhabender Eltern in Titel, damals Österreich-Ungarn, heute Serbien, genoss Marić eine gute schulische Ausbildung, die ihr Vater während mehrer Orts- und Schulwechsel besonders förderte. Vor allem ihre Noten in Mathematik und Physik waren ausgezeichnet. Nach einer Krankheit, die sie in der Schweiz auskurierte, legte sie mit 21 Jahren in Bern ihre Matura ab und begann ein Medizinstudium in Zürich. Nach einem Semester jedoch wechselte sie an das Polytechnikum, um dort als einzige Frau ihres Jahrgangs Mathematik und Physik zu studieren. Sie besuchte die gleichen Kurse wie Albert Einstein, mit dem sie sich bald anfreundete. Während er seine zweite Diplomprüfung bestand, fiel sie beim ersten Versuch durch – beim zweiten Versuch, ein Jahr später, war sie im ersten Trimester mit Einsteins Tochter schwanger und fiel erneut durch. Für die Geburt von „Lieserl“ kehrte sie in die Vojvodina zurück; das Kind erlitt dort mit einem Jahr eine Scharlacherkrankung, über ihr weiteres Schicksal herrscht Unklarheit.

Zurück in der Schweiz, heiratete Marić Einstein, obwohl seine Familie sie ablehnte. In den folgenden elf Jahren gebar Marić Einstein zwei Söhne und folgte ihm an jeden Ort, an den ihn sein Lehrberuf verschlug. Doch schon bevor sie ihn 1914 auch nach Berlin begleitete, hatte er einen Briefwechsel und wahrscheinlich auch eine Affäre mit seiner Cousine Elsa begonnen – die auch seiner Familie eine lieber gesehene, weil standesgemäße Partnerin war. Die räumliche Nähe des unfreiwilligen Liebesdreiecks führte bald zum Bruch und Marić kehrte mit ihren beiden Söhnen nach Zürich zurück. Aber erst fünf Jahre später, nachdem Einstein ihr das Preisgeld des Nobelpreises zusicherte, den bald gewinnen würde, willigte Marić in die Scheidung ein. Nur wenige Monate danach heiratete Einstein in Berlin Elsa, obwohl das Züricher Gericht, das die Scheidung rechtskräftig erkläret hatte, ihm eine zweijährige Heiratssperre auferlegt hatte.

Mit dem Geld des Nobelpreises, den Einstein tatsächlich 1922 gewann, erwarb Marić drei Mietshäuser; in einem davon lebte sie, die anderen dienten dem Unterhalt. Doch als ihr Sohn Eduard 1932 mit Schizophrenie diagnostiziert wurde, schmolzen ihre Ressourcen bald dahin: Sie musste zwei Häuser verkaufen, eines überschrieb sie ihrem Ex-Ehemann, behielt aber die Vollmacht darüber. Einstein sorgte zwar, inzwischen in den USA lebend, weiterhin für seinen Sohn und sie, doch es reichte nur für bescheidene Verhältnisse. Marić starb mit 72 in einer Züricher Privatklinik.

Während Marić selbst keine wissenschaftlichen Arbeiten hinterließ, ist umstritten, wie sehr sie an den Arbeiten Einsteins beteiligt war, die ihn ihm Wunderjahr 1905 berühmt machten. Die Vermutung basieren vor allem auf den Formulierungen von „unserer Arbeit“, die Einstein in Briefen verwendet, sowie darauf, dass der Name des Autors dreier der Arbeiten, deren Originale verschollen sind, Einstein-Marity (der ungarischen Form von Marić) lautete. Beweisen lässt es sich nicht, doch sind einige Vorlesungsunterlagen Einsteins in Marićs Handschrift verfasst. Schließlich ist es nicht unmöglich, dass eine Frau, die selbst offensichtlich so interessiert und gebildet in Mathematik und Physik war wie Marić, zumindest als verständige Zuhörerin und ebenbürtige Gesprächspartnerin an der Entstehung seines Genies in immaterieller Form beteilig war. Im Einklang mit diesem Gedanken wurde Mileva Marić 2005 von ihrer ehemaligen Hochschule, inzwischen die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich und der Gesellschaft zu Fraumünster als „Mitentwicklerin der Relativitätstheorie“ geehrt.

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23. Dezember 1983: Máret Ánne Sara

Die samisch-norwegische Künstlerin nahm 2017 an der documenta 14 teil, mit einer Weiterentwicklung ihrer ersten Installation, „Pile o’Sápmi“: Einer Installation aus Rentierschädeln mit Einschusslöchern. Der erste „Pile o’Sápmi“ entstand 2016, kurz bevor ihr Bruder vom Obersten Gerichtshof in Norwegen gezwungen wurde, sein Rentierzucht per Tötung zu reduzieren. Die Rentierzucht gehört traditionell zur Lebensweise der Samen und wird von der norwegischen Regierung stark reguliert – aufgrund der Überweidung der Finnmark, sagt die Regierung, wegen der Gier nach Bodenschätzen, die gehoben werden können, wenn keine Rentiere mehr dort weiden, sagt Saras Bruder.

Der Titel des Werkes nimmt Bezug auf ein Foto (Link englischsprachig), das einen Berg Büffelschädel zeigt, den Cree-Indianer im kanadischen Regina zusammengetragen hatten. Sie zog damit die Parallele zwischen der Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner und der Unterdrückung der Samen in den Gesellschaften der Länder, über deren Gebiet sich der Lebensraum der Samen erstreckt.

Google-Ergebnisse Máret Ánne Sara

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26. Dezember 1926: Marija Atanassowa

Kurz und knackig zum Schluss: Die Bulgarin war die erste Zivilpilotin ihres Landes, die erste weibliche Kapitänin für schwere Flugzeugtypen und die erste Frau, die ein Verkehrsflugzeug auf dem Flughafen London Heathrow landete.

11/2018

5. November 1952: Vandana Shiva

Vandana Shiva wurde in eine brahmanische Familie geboren, der obersten Kaste Indiens, doch ihre Eltern prägten sie früh mit ihrer modernen und liberalen Einstellung. So hatten sie sich als Mitglieder der indischen Unabhängigkeitsbewegung einen neuen Namen gewählt, an dem ihre Kaste nicht mehr zu erkennen war; Vanadana wurde von der Mutter im Sinne des Feminismus ohne genderspezifische Erwartungen und Vorurteile erzogen. Die Wanderungen im Himalaya, die sie in ihrer Kindheit mit ihren Eltern machte, legten den Grundstein für ihre Naturbezogenheit.

Sie studierte zunächst Physik, mit Albert Einstein als Vorbild, doch bei der Arbeit an einem Brutreaktor im Bhabha Atomic Research Centre entwickelte sie eine Vorstellung von der Gefahr radioaktiver Strahlung und schloss ein Studium der Wissenschaftsphilosophie in Kanada an. Nach abgeschlossenem Studium wurde sie Professorin an einem Institut in Bangalore, dass  interdisziplinäre Forschung auf den Gebieten Technik, Umwelt und Politik betreibt.

Shiva war in ihrer indischen Studienzeit aktiv in der Chipko-Bewegung, in der sich indische Frauen gegen die Abholzung in ihrer Region und damit der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen zur Wehr setzten, indem sie Bäume umarmten (chipko = HIndi für „festhalten“). Nach ihrer Rückkehr aus Kanada wurde sie zur bekanntesten, aber auch umstrittenen Figur des Ökofeminismus und der Globalisierungskritik in Indien. Sie rief die Organisation Navdanya ins Leben, die in Indien Samen traditioneller Nahrungspflanzen sammelt und bewahrt; Shiva ist überzeugt, dass die Lösung für Hunger und Armut nicht in genetisch veränderten Nahrungsmitteln liegt, sondern in der Rettung und Wiederentdeckung der natürlichen Diversität, mit der ursprüngliche Landwirtschaft betrieben wurde. Sie untersuchte mit der deutschen Feministin Maria Mies die Auswirkungen der westlichen, patriarchalischen Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Entwicklungsstrategien in Indien. Die traditionell „männlichen“ Maßstäbe des Erfolges, nämlich Gewinn individueller Macht, zerstöre Umwelt und Gesellschaft, während traditionell „weibliche“ Werte den Erhalt und Entwicklung des Gemeinwohls förderten. Kritiker führen an, dass diese Einteilung in binäre Gegensätze Frauen in Entwicklungsländern in traditionelle Strukturen fessele, die instrumental für ihre Unterdrückung sind.

Vandana Shiva ist aktiv in verschiedenen Organisationen der Globalisierungskritik und des Umweltschutzes, sie hat mehrere Bücher veröffentlicht und hält acht Ehrendoktortitel, 1993 erhielt sie den Alternativen Nobelpreis Right Livelihood Award. Ihre Argumentationen sind allerdings nicht immer sachlich und bieten Ansatz für Kritik; auch ihre eigenen finanziellen Gewinne an ihrem Ruf als „Beschützerin der armen indischen Bauern“ werden stellenweise negativ bemerkt.

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8. November 1970: Diana King

Die jamaikanische Reggae-Sängerin, 1970 in Spanisch Town geboren, wurde berühmt mit ihrem Song „Shy Guy“, der Teil des Soundtracks von Bad Boys war. Bemerkenswerter jedoch ist, dass sie die einzige Prominente jamaikanischer Herkunft ist, die offen homosexuell lebt: 2018 heiratete sie ihre langjährige Freundin Mijanne Webster, eine ebenfalls jamaikanische Violinistin. Jamaika ist berüchtigt nicht nur für die schlechten juristischen Bedingungen für Homosexuelle im Land, sondern auch für die offene Gewalt, die Homosexuelle dort erleben, angefacht zum Teil von Musikern, die in ihren Liedern zum Verbrennen Schwuler aufrufen. Sie wurde für ihr öffentliches Coming-Out mit einem Tapferkeitspreis in der Musikbranche ausgezeichnet, verlor jedoch darüber auch den Kontakt zu allen bis auf eines ihrer 15 Geschwister.

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12. November 1648: Juana Inés de la Cruz

Geboren als (wohl uneheliche) Tochter eines spanischen Offiziers in Mexiko und einer in Mexiko geborenen Spanierin (Criolla), wuchs das Wunderkind auf der Hacienda ihrer Großeltern mütterlicherseits in Amecameca auf, wo sie bereits im Kleinkindalter heimlich in der Bibliothek las. Mit drei Jahren beherrschte sie Latein – das sie als 13jährige bereits unterrichten würde – und mit fünf Jahren die Buchführung, mit acht Jahren schrieb sie ein Gedicht auf die Eucharistie. Sie war bewandt in griechischer Logik und schrieb auch Gedichte in Nahuatl.

Mit 16 Jahren ging sie nach Mexico City, wo sie gerne an der Universität studiert hätte – sie hätte sich als Mann verkleiden müssen, um das zu erreichen. Da sie jedoch nicht die Erlaubnis ihrer Mutter erhielt, betrieb sie ihre Studien privat weiter, während sie als Hofdame am Hof des Vizekönigspaares fungierte. Dort erregte sie die Aufmerksamkeit der Vizekönigin Leonor Carreto, die sie unter ihre Fittiche nahm und förderte. Der Vizekönig stellte die Bildung und das Talent der jungen Hofdame auf die Probe und konfrontierte sie überraschend mit Theologen, Juristen, Philosophen und Dichtern, denen sie spontan Rede und Antwort stehen musste. Sie bestand diese Prüfung mit fliegenden Fahnen.

Am Hof jedoch wurden ihr beständig Anträge gemacht, da noch immer erwartet wurde, dass eine junge Frau heiraten sollte. Also entschloss sie sich, um ihre Studien nicht einem Leben als Ehefrau zu opfern, ins Kloster zu gehen. Die Unbeschuhten Karmeliterinnen waren ihr in der Lebensführung zu streng, bei den Hieronymitinnen fand sie 1669 hingegen die einfache, lockere Klosterumgebung, in der sie sich wohlfühlte. Sie konnte dort als Schützling der Vizekönigin eine Bibliothek aufbauen und ihren eigenen Forschungen nachkommen. Sie pflegte eine Freundschaft mit Carlos de Sigüenza y Góngora, einem anderen mexikansichen Universalgelehrten, der sie über die Maßen schätzte.

De la Cruz schrieb im Kloster, unter der Patronage der Vizekönigin, unzählige Bücher, Gedichte und Essays; darunter Kritiken an Kirchenmitgliedern und der Kirche an sich. Sie setzte sich dabei offen und mit Witz für die Bildung und die Rechte der Frauen ein. Damit wurde sie auf die Dauer den Würdenträgern unbequem, selbst diejenigen, die ihr nicht widersprachen, waren der Meinung, als Nonne – als Frau – solle sie sich allein mit geistlichen Dingen beschäftigen. Es ist nicht geklärt, ob sie schließlich auf Druck des mexikanischen Erzbischof 1694 tatsächlich eine Unterlassungserklärung unterzeichnete, sicher ist jedoch, dass sie offiziell Buße tat, ihre Bücher und Forschungsmaterialien verschenkte und aufhörte, Texte zu veröffentlichen.

Zwei Jahre nach dem Einschreiten gegen ihre schriftstellerische Tätigkeit 1695 starb sie mit 47 Jahren an der Pest, die sie sich bei der Pflege anderer Nonnen zugezogen hatte. Sie wird heute in Mexiko als bedeutende Dichterin sowohl der frühen mexikanischen wie der spanischen Literatur verehrt und erhielt den Beinamen „Mexikanischer Phoenix“.

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17. November 1961: Chanda Kochhar

Die indische Bankmanagerin Chanda Kochhar wird vom Forbes Magazine zu den einflussreichsten Frauen der Welt gezählt. Als Tochter hinduistischer Eltern, die bei der Teilung Pakistans von Indien aus Karatschi fliehen mussten und all ihr Eigentum dort zurückließen, hat sie es mit Bildung und Ehrgeiz bis an die Spitze der größten privaten Bank Indiens geschafft.

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21. November 1955: Dora María Téllez

Téllez war zwölf, als in Nicaragua die Diktatur Anastasio Somoza Debayles begann, dem letzten Regenten des Landes aus dem Somoza-Clan. Mit 19 trat sie der FSLN bei, der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront, in der sie schon während ihres Medizinstudiums zur Kommandantin aufstieg. Da offener Widerstand in der Diktatur tödlich enden konnte, ging sie in den Untergrund und kämpfte als Guerillera zunächst in den Bergen in Nicaraguas Norden.

Als 22-jährige war sie dann dritt-höchste Befehlshaberin (Comandante Dos, unter Comandante Uno Hugo Torres und Comandante Cero Edén Pastora Gomez) bei der Einheit, die 1978 den Nicaraguanischen Nationalpalast stürmte. Die Einheit zählte zu den Terceristen – dem „Dritten Weg“ innerhalb der inzwischen gespaltenen Befreiungsfront: Die GPP (Guerra Popular Prolongata) wählte die Strategie der Rekrutierung und Mittelbeschaffung im Untergrund, während sich die Aktivisten aus dem offenen politischen Kampf zurückzogen, die „FSLN Proletario“ glaubte an eine Möglichkeit des Sieges durch die Mobilisierung des Proletariats. Die Terceristen hingegen forderten Pragmatismus und schlossen sich mit anderen, nicht-sandinistischen Kräften zusammen, um die Diktatur zu stürzen. Bei der Stürmung des Nationalpalastes wurden 1500 Zivilisten als Geiseln genommen. Téllez führte die Verhandlungen mit Somoza und handelte die Befreiung von 60 politischen Gefangenen aus – unter ihnen FSLN-Mitbegründer und späteren nicaraguanischen Innenminister Tomás Borge –, mediale  Veröffentlichung sandinistischer Forderungen, Lösegeld und eine Fluchtflugzeug. Die beteiligten FSLN-Mitglieder flohen nach dieser Aktion nach Kuba und Panama, wo sie sich weiterhin militärisch ausbilden ließen, für einen fortgesetzten Kapmf gegen das Regime. Das wurde auch tatsächlich durch diese Demonstration der Revolutionäre geschwächt, Somoza und seine Macht waren angreifbar geworden, während die Revolutionäre im Volk Sympathien gewinnen konnten. Andere Oppositionskräfte fühlten sich ermutigt, sodass wenige Tage später ein Generalstreik ausgerufen wurde, der sich zu einem Volksaufstand im ganzen Land ausweitete. Nach zwei Wochen griff der Diktator Somoza mit der Nationalgarde hart durch und ließ Tausende in der Zivilbevölkerung töten, noch mehr flohen in die benachbarten Länder. Die Besetzung des Nationalpalastes sowie die folgenden Unruhen machten jedoch weltweit auf die Zustände im mittelamerikanischen Land aufmerksam.

Téllez kehrte im darauffolgenden Jahr nach Nicaragua zurück und nahm erneut am Guerillakrieg der wieder konsolidierten FSLN teil. Aus den ländlichen Kampfgebieten zog sie schließlich mit ihren Truppen nach Léon, das nach sechs Wochen Häuserkampf von den Sandinisten erobert wurde. Die Hauptstadt Managua fiel zwei Wochen später, der Diktator floh.

In der anschließenden Regierung wurde Téllez später zur Gesundheitsministerin, ihre Kampagne für die Volksgesundheit wurde von der UN ausgezeichnet. Während sie weiterhin in der Politik aktiv blieb, sich für Homosexuellen- und Frauenrechte einsetzt und bis in die kürzliche Vergangenheit mit Leib und Seele für ihre Sache eintrat (zuletzt trat sie 2008 in einen Hungerstreik, um gegen ihren ehemaligen Sandinisten-Genossen Daniel Ortega zu protestieren), veröffentlichte sie auch ein Buch über die Geschichte Nicaraguas und seine Bedeutung in Mittelamerika. 2004 wurde sie als Gastprofessorin nach Harvard berufen, erhielt aber keine Einreisegenehmigung, weil sie als Terroristin gelistet war. Akademiker*innen des ganzen Landes traten daraufhin zu ihrer Verteidigung und Unterstützung ein.

Téllez führt ein Blog (auf Spanisch) und gehört zu den Teilnehmerinnen des Global Feminisms Project.

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25. November 1978: Sheena Ringo

Die japanische Sängerin sticht durch ihren individuellen Stil hervor, beeinflusst von der Liebe zum Jazz ihres Vaters und Arbeit ihrer Mutter mit Klassik.

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29. November 1835: Cixi

Die letzte chinesische Kaiserin kam als erste Tochter eines mandschurischen Beamten auf die Welt, in einer hochgestellten Familie des chinesischen Adels. Sie erhielt eine Ausbildung wie für Mädchen der Elite üblich: Lesen, Zeichnen, Schachspielen, Sticken und Nähen durfte sie lernen, das Schreiben der komplizierten Zeichenschrift sollte sie nicht benötigen. Auch blieb ihr als Mandschurin das grausame Füßebinden erspart. Als ältestes Kind war sie mit sieben Jahren in der Lage, ihren Vater zu unterstützen, die Familie aus einer Notlage zu helfen, in die sie durch den gerade beendeten Ersten Opiumkrieg geraten waren. Ihr Vater äußerte später lobend, sie sei ihm mehr wie ein Sohn als wie eine Tochter gewesen, weshalb er sie wohl auch später an den Themen teilhaben ließ, die eigentlich Männern vorbehalten waren.

Mit 16 wurde Cixi für den Harem des neuen, 19-jährigen Kaisers Xianfeng ausgewählt. Nach einem Vorbereitungsjahr im eigenen Haushalt betrat sie mit 17, damals zunächst unter dem Namen Lan, für das zweite Vorbereitungsjahr und den Rest ihres Lebens die Verbotene Stadt. Während Lan/Cixi in der sechsten und damit untersten Stufe der Konkubinen zunächst niederrangig blieb, erhob der Kaiser im Widerspruch mit der Etikette eine Konkubine der fünften Stufe zu seiner Kaiserin: Ci’an (auch Zheng) leitete in der Position als Kaiserin den Harem. Sie war eher unscheinbar und nicht unbedingt eine Führungspersönlichkeit, doch gelang es ihr, Zwistigkeiten und Unfrieden im Harem im Zaum zu halten. Lan/Cixi konnte den Kaiser anfangs nicht für sich einnehmen, verärgerte ihn eher noch durch ein Schreiben, in dem sie ihm Vorgehensweisen gegen Unruhen im Land vorschlug. Er setzte einen Erlass auf, dass sie nach seinem Tod „beseitigt“ werden solle, weil sie möglicherweise nach der Macht greifen würde. Doch Cixi hatte die Kaiserin Ci’an auf ihrer Seite, die auch schon dafür gesorgt hatte, dass sie in die fünfte Stufe der Konkubinen erhoben worden war und nun Konkubine Yi hieß.

In jedem Fall hatte der Kaiser eine Favoritin unter seinen Nebenfrauen, die ihm bald eine Tochter gebar. Während der Phase der Enthaltsamkeit, die der Kaiser mit der Schwangeren und späteren Mutter einhalten musste, wurde auch Cixi/Yi 1856 von ihm schwanger; sie gebar dem Kaiser den ersten Sohn, Zaichun, und wurde somit automatisch zur Nebenfrau ersten Ranges, nur noch der Kaiserin Ci’an unterstellt, die die Mutterrolle für den Thronfolger auszuüben hatte. Mit dem gehobenen Status kamen Privilegien wie der Zugang zu Bildung durch Hauslehrer.

China wurde in den kommenden Jahren immer wieder in Kriege um seine Territorien verwickelt und von umliegenden und europäischen Mächten zur Öffnung seiner Grenzen gezwungen; nach dem Zweiten Opiumkrieg 1858 war es Großbritannien, Frankreich, Russland und den USA unter anderem erlaubt, in China Opium zu verkaufen und christliche Missionare ins Land zu senden. Als 1860 diese Alliierten wiederum kriegerisch gegen Peking vorgingen, floh der Kaiser Xianfeng mit seinem gesamten Hofstaat in den Sommerpalast außerhalb der Hauptstadt und ließ seinen Halbbruder, Prinz Gong, in Peking zurück, um mit den eindringenden Mächten zu verhandeln. Der Kaiser war krank und schonte seine Gesundheit nicht bei Trinkgelagen mit Hofbeamten und seiner bevorzugten Konkubine. Der einflussreichste der Hofbeamten, Sushun, hatte offensichtlich Pläne: Cixi beobachtete ihn eines Abends, wie er sich auf den Kaiserthron setzte und sich vom Obereunuchen dort wie der Kaiser hofieren ließ. Auch hatte Sushun bereits – angeblich wegen der schweren Krankheit des Kaisers – bereits das Holzkästchen öffnen lassen, in welchem der Kaiser für einen Zeitpunkt nach seinem Tod ein Papier mit dem Namen seines Nachfolger hinterlegen sollte. Sushun hatte verkünden lassen, dass das Holzkästchen leer gewesen sei, dass also weder der gemeinsame Sohn des Kaisers mit Cixi noch einer seiner Neffen als Thronfolger auserkoren war. Cixi schloss daraus richtig, dass Sushun plante, entweder sich selbst zum Kaiser auszurufen oder einen Marionettenherrscher unter seinem Einfluss einzusetzen. Folgerichtig war ihr Leben, vor allem aber das Leben ihres Sohnes in Gefahr. Es gelang ihr jedoch gegen den Widerstand des Hofstaates, wenige Minuten vor dessen Tod, mit ihrem Sohn vor den Kaiser zu treten und ihm noch die Ernennung seines Kindes als Thronfolger zu entlocken. Da der Dreijährige noch nicht regieren konnte, machte das die Kaiserinwitwen Ci’an und Cixi zu dessen Regentinnen.

Sushun versuchte noch weiterhin, sich als eigentlichen Regierenden zu installieren, indem er die beiden Frauen mit Hausarrest dazu erpresste, seine Installation mit ihren Siegeln offiziell zu machen; doch die Mandarine, die hochgestellten Beamten des Landes, hatten bereits ihre Schriften an die beiden Kaiserinnen gerichtet und sie damit als Regentinnen anerkannt. Mit Hilfe des Prinzen Gong und der Traueretikette der chinesischen Kaiser gelang es Ci’an und Cixi, sich dem direkten Einfluss Sushuns zu entziehen: Der Minister musste den Leichenzug des Kaisers in die inzwischen wieder befriedete Hauptstadt begleiten, der Thronfolger sollte jedoch vor dem Leichnam in Peking ankommen. Die Gesellschaft um den jungen Prinzen erreichte drei Tage früher als nötig sein Ziel und die Kaiserinnen konnten das vorherige Schreiben mit ihren Siegeln zur Fälschung erklären. Sushun und seine Gefolgsleute wurden verhaftet, die meisten von ihnen verbannt, Sushun hingegen wurde zunächst zum Tod durch tausend Schnitte verurteilt (das verlinke ich nicht, aber es gibt einen Wikipedia-Eintrag dazu), später aber zur Enthauptung begnadet.

Diese strategische Vorgehensweise Cixis, ihr Leben und das ihres Sohnes zu retten und selbst in die Lage zu kommen, China zu regieren, brachten ihr bei unfreundlich gesinnten chinesischen Beamten den Ruf ein, kaltblütig und skrupellos zu sein; selbstverständlich wurde ihr auch sexuelle Devianz angedichtet, als der Rest der Welt sich für die chinesische Regentin zu interessieren. Cixi setzte nach ihrem Sohn, der 1872 mit 16 Jahren Kaiser wurde, aber nur drei Jahre regierte, bevor er an Syphilis starb, noch zwei weitere Minderjährige auf den Thron und behielt so lange Zeit das Zepter in der Hand. Ihrem Sohn, Kaiser unter dem Namen Tongzhi, folgte ihr Neffe Guangxu, ebenfalls drei Jahre alt, als er den Thron bestieg. Die andere Kaiserinwitwe Ci’an zog sich aus den Regierungsgeschäften zurück und starb, bevor Guangxu regierungsfähig wurde. Der durch eine Lungenerkrankung fast stumme Kaiser strebte, als er schließlich Kaiser wurde, Reformen an, die China wahrscheinlich ermöglicht hätten, den wirtschaftlichen und technologischen Rückstand gegenüber den westlichen Mächten aufzuholen. Cixi setzte ihren Neffen jedoch unter Hausarrest und nahm die Regierung wieder in die eigene Hand.

Cixi hatte sich im Laufe der Zeit von einer gewissen Reformwilligkeit zum Konservativismus entwickelt, möglicherweise durch Schicksalsschläge und den Verlust von Vertrauen in ihre Verbündeten. Erst die Erschütterungen des Boxeraufstandes schienen sie erkennen lassen, dass China mitnichten eine Vormachtstellung in der Welt hatte. Sie hatte die Aufstände gegen die Ausländer im Land gebilligt und unterstützt, da sie von ihren eigenen Makeln ablenkten; nach der blutigen Niederschlagung ließ sie dann die Aufständischen bestrafen. Während jedoch die Regentin sich auf die Erneuerung des Glanzes vergangener Zeiten konzentrierte und nur schwergängig das Land für die Zukunft vorbereitete, griffen die Westmächte nach immer mehr Territotium. Sie kündete zwar noch die Umstellung auf eine konstitutionelle Monarchie an, doch 1908 zog sich die 73-jährige eine echte Grippe zu und verstarb – nicht ohne ihren Neffen am Tag zuvor noch mit Arsen zu vergiften, sodass ihr bevorzugter Thronfolger zum Kaiser gekrönt würde: Der zweijährige Puyi, der letzte Kaiser von China.

1911 brach die Xinhai-Revolution aus und beendete die Monarchie in China.

Für einen spannenden Überblick über die chinesischen Kaiser und deren unterschiedliche Dynastien empfehle ich die Geo Epoche Nr. 93 über das kaiserliche China, die ich gerade lese (unbezahlte Werbung, aus reiner Überzeugung). Leider habe ich vor Beendigung dieses Beitrags noch nicht bis zum letzten Kapitel, dem über Cixi, gelesen.