Kategorie: Mathematik

52/2020: Jean Bartik, 27. Dezember 1924

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Jean Bartik (links) und Fran Bilas (rechts) am ENIAC
Von United States Army – Image from [1], Gemeinfrei

Ich hätte gerne länger über Jean Bartik geschrieben, aber abgesehen von den Feiertagen hat es nun einige Umstände gegeben, die mir sowohl Zeit wie Motivation genommen haben. Deshalb werden die letzten beiden Beiträge dieses Jahres nur so kurz wie möglich ausfallen.

Jean Bartik kam als Elizabeth Jean Jennings in Missouri zur Welt. Mit 20 Jahren machte sie am Northwest Missouri State Teachers College ihren BSc in Mathematik; direkt im Anschluss ging sie als menschlicher Computer zur US-Armee, bei dem Projekt der University of Pennsylvania, am Universalrechner ENIAC ballistischer Flugbahnen zu berechnen. Hier begründete Jean Bartik mit Kay McNulty (Kathleen Antonelli), Frances Spence, Betty Holberton, Marlyn Meltzer und Ruth Teitelbaum die Programmierung digitaler Computer – die sechs Frauen mussten sich ohne Handbücher, allein anhand von Diagrammen und eigenen Versuchen, die Handhabung des Rechners erarbeiten, den sie mit ihren händischen Berechnungen fütterten. Dabei entwickelten sie diverse Techniken des Programmierens, die heute noch verwendet werden.

1946, bei der Eheschließung mit dem Ingenieu William Bartik, legte sie sowohl ihren vorherigen Rufnamen `Betty´ab wie ihren Nachnamen und trat danach stets als Jean Bartik in Erscheinung. Sie war eine der Programmiererinnen, die auch nach dem Umzug des ENIAC auf den Aberdeen Proving Ground bei dem Projekt verblieb.

Sie machte später einen Abschluss in Englisch und ließ sich von ihrem Mann scheiden, arbeitete jedoch zeitlebens in der Computerbranche. Erst in den 1990er Jahren erfuhren die Programmiererinnen des ENIAC öffentliche Anerkennung für ihre Leistungen.

Jean Bartik starb am 23. März 2011 mit 86 Jahren. Im Jahr vor ihrem Tod hatte sie noch an einem Dokumentarfilm mitgewirkt und ihre Biografie vollendet.

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Ebenfalls diese Woche

23. Dezember 1912: Anna J. Harrison (Link Englisch)
1978 wurde diese Chemikerin die erste weibliche Präsidentin der American Chemical Society.

24. Dezember 1895: Marguerite Williams (Link Englisch)
Als erste Afroamerikanerin/WoC in den USA erlangte die Geologin einen Doktortitel in diesem Fachgebiet.

26. Dezember 1780: Mary Somerville
Aufgrund einer mangelhaften Schulbildung musste sich diese Autodidaktin ihre Kenntnisse der Astronomie und Mathematik selbst erarbeiten; dies gelang ihr jedoch so gut, dass sie bald die Anerkennung der Wissenschaft und der Allgemeinheit erlangte.

27. Dezember 1959: Maureen Raymo
Die US-amerikanische Paläoklimatologin ist die erste weibliche Leitung des Lamont-Doherty Earth Observatory.

2. Januar 1846: Julia Lermontowa
Über diese Mathematikerin schrieb ich 2018, als ich über die Welt jenseits des Tellerrandes schrieb.

51/2020: Mary Kenneth Keller, 17. Dezember 1913

Mary Kenneth Keller kam in Cleveland, Ohio (USA) zur Welt. Mit 19 Jahren trat sie dem katholischen Orden der Sisters of Charity of the Blessed Virgin Mary (B.V.M., Link Englisch) bei, acht Jahre später legte sie dort ihr Gelübde als Ordensschwester nieder. Anders als Nonnen leben Ordensschwestern nicht unbedingt in `päpstlicher Klausur´, und so nahm Sister Mary Kenneth Keller, B.V.M., anschließend das Studium der Mathematik an der DePaul University auf, einer katholischen Universität, an der die Ordensschwestern der B.V.M. schon seit dem Anfang des Jahrhunderts auch unterrichteten.

Sister Mary machte dort 1943 mit 30 Jahren ihren BSc in Mathematik und zehn Jahre später ihren MSc in Mathematik und Physik. Anschließend arbeitete sie als Doktorandin an verschiedenen Universitäten, und als solche war sie 1958 auch am Dartmouth College tätig. Sie war dort die erste Frau, die im Informatikzentrum der National Science Foundation angestellt wurde. Mary Kenneth Keller war hier eine der Informatiker:innen, die die neue Programmiersprache BASIC schrieben, gemeinsam mit John G. Kemeny und Thomas E. Kurtz. Typischerweise kommt ihr Name nicht in allen Text diesbezüglich vor. BASIC – Beginner’s All-purpose Symbolic Instruction Code (Allseitig verwendbarer symbolischer Befehlscode für Anfänger) – sollte den Elektrotechnikstudenten am College den Einstieg in die Programmierung erleichtern, bevor sie sich mit komplexeren Sprachen wie FORTRAN befassen mussten.

Ihren Doktortitel errang Sister Mary schließlich an der University of Wisconsin-Madison, mit einer Dissertation über computergenerierte Muster, die sie von FORTRAN per `induktiver Schlussfolgerung´wiederum auslesen ließ. „Zum ersten Mal können wir das menschliche Denken mechanisch nachahmen“, schrieb Keller dazu.

Nachdem sie ihre Promotion abgeschlossen hatte, ging sie als Professorin an das College des B.V.M., heute Clarke University (Link Englisch) und gründete dort den Fachbereich Informatik. Ihr ehemaliger Arbeitgeber, die National Sceince Foundation, stiftete über den Zeitraum von zwei Jahren insgesamt $25.000, um den Fachbereich mit Technik auszustatten. Keller stand der Fakultät für die folgenden zwanzig Jahre vor und ermutigte insbesondere Studentinnen, sich mit Computern und Informatik vertraut zu machen. Außerdem schrieb sie vier Bücher über Themen der Informatik und unterstützte die Gründung der Association Supporting Computer Users in Education (ASCUE, Link Englisch) als Vorstandsmitglied.

Sister Mary Kenneth Keller starb am 10. Januar 1985 mit 71 Jahren.

Der Podcast Nevertheless widmet ihr eine eigene Folge.

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Ebenfalls diese Woche

16. Dezember 1817: Elizabeth Carne (Link Englisch)
Zunächst Geologin, Conchologin (Muschelforscherin) und Naturphilosophin, wurde die Britin nach dem Tode ihres Vaters auch noch Bankerin. Ihre Erkenntnisse sind heute am ehesten dem Bereich der Humanökologie zuzuordnen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt untersucht.

17. Dezember 1706: Émilie du Châtelet
Über diese Physikerin, Philosophin und Newton-Übersetzerin schrieb ich 2016, im Jahr der Frauen vor dem 19. Jahrhundert.

18. Dezember 1922: Esther Lederberg
Die Mikrobiologin entdeckte 1950 den Lambda-Phagen, ein Virus, das das Bakterium Escherichia coli als Wirt nutzt. Diese Entdeckung sollte später in der Gentechnik von bedeutender Wichtigkeit sein. Als Ehefrau eines Kollegen wurde jedoch auch Lederberg zum Opfer des Matilda-Effekt.

49/2020: Christine Ladd-Franklin, 1. Dezember 1847

Christine Ladd-Franklin wuchs in einem Haushalt auf, in dem auf Bildung und Frauenrechte Wert gelegt wurde. Ihr Vater war Akademiker, die Mutter nahm die fünfjährige Christine bereits zu einer Lesung von Elizabeth Oakes Smith (Link Englisch) mit, einer Schriftstellerin, die sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts für Frauenrechte einsetzte. Christine wuchs in Connecticut auf, bis ihre Mutter 1860 an Lungenentzündung starb und die 13-jährige zu ihrer Tante nach New Hampshire zog. Dort besuchte sie die Schule und entwickelte großen Ehrgeiz, ihre Bildung über die weiterführende Schule hinaus zu verfolgen. Der Vater unterstützte sie darin und schrieb sie bei einem zweijährigen Programm an einer Schule in Massachusetts ein, in dem ansonsten Jungen auf ein Collegestudium vorbereitet wurden. Christine Ladd schloss dieses Programm mit 18 Jahren als Klassenbeste ab.

Im nächsten Jahr, 1866, konnte sie mit der finanziellen Unterstützung ihrer Tante ein Studium am Vassar College beginnen. Leider ging nach einem Jahr das Geld zunächst aus, sodass Ladd erst einmal als Lehrerin arbeitete. Sobald ihre Tante das Geld wieder aufbringen konnte, kehrte sie ans College zurück und machte schließlich 1869 ihren Abschluss. Während ihrer Zeit am Vassar College begegnete sie auch Maria Mitchell, einer Physikerin und Astronomin, die sich ebenfalls für Frauenrechte einsetzte. Unter ihrer Ägide entfaltete sich Ladd zu einer kämpferischen Natur.

Nach ihrem Abschluss hätte Christine Ladd am liebsten Physik studiert, doch Frauen waren in den Universitätslaboren nicht zugelassen, in denen ein großer Teil des Studiums absolviert wurde. So unterrichtete sie für die nächsten neun Jahre Mathematik und Naturwissenschaftenan einer weiterführenden Schule in Washington, Pennsylvania. In dieser Zeit reichte sie insgesamt 77 mathematische Probleme und ihre Lösungen bei der Educational Times in London ein, außerdem sechs Beiträge bei The Analyst: A Journal of Pure and Applied Mathematics sowie drei beim American Journal of Mathematics.

Schließlich gelang es Christine Ladd, sich an der Johns Hopkins University einzuschreiben, zugegebenermaßen mit einer Art unterlassener Information. Als die Universität 1876 ihr Stipendiatsprogramm eröffnete, bewarb sich Ladd mit ihren Unterlagen unter `C. Ladd´– und ihre Unterlagen waren so überzeugend, dass der Universitätsvorstand ohne weitere Überprüfung `C. Ladd´ein Stipendium gewährleistete. Als den Herren im Vorstand klar wurde, dass es sich bei `C.´um eine Christine handelte, wollten sie ihr das Stipendium zunächst wieder entziehen: Sie habe es sich mit einem Trickbetrug erschlichen. Ladd hatte jedoch in James J. Sylvester einen mächtigen Fürsprecher. Der Professor war vor kurzem von der Encyclopædia Britannica als größter lebender Mathematiker bezeichnet worden und ein wichtiger Imagefaktor für die um finanzielle Mittel kämpfende Schule. Sylvester beharrte darauf, die vielversprechende Studentin Ladd unterrichten zu dürfen, und setzte sich durch; ein Mitglied des Vorstands trat über den Konflikt sogar zurück. Da Johns Hopkins an sich keine `gemischte´Universität war, durfte Ladd zunächst nur seine Kurse besuchen; als sie darin jedoch überdurchschnittliche Leistungen erbrachte, durfte sie schließlich auch die Vorlesungen und Kurse anderer Professoren besuchen. Ihr Stipendium sollte von 1878 an für drei Jahre laufen, doch sie wurde in keinem Rundschreiben der Universität in dieser Zeit erwähnt, um nur ja keinen Präzendenzfall zu schaffen.

In den Jahren 1879/1880 besuchte Ladd auch Kurse bei Charles Sanders Peirce, einem Mathematiker, Logiker und Semiotiker. In diesen Bereichen stößt die Mathematik über die Logik an die Philosophie ebenso wie an die Psychologie, was in Christine Ladds Fall zu einer späteren Beschäftigung mit der Farbsichtigkeit des Menschen führen sollte. Bei Peirce schrieb Ladd ihre Dissertation `Über die Algebra der Logik´. Sie befasste sich darin mit der Reduktion von Syllogismen in der Aristotelischen Logik – im Prinzip mit mathematischer `Auflösung nach x´ von logischen Schlussfolgerungen. Sie entwickelte darin eine Methode, die Gültigkeit dieser Schlussfolgerungen festzustellen, die sie Inconcistent Triad oder `Antilogismus´nannte. Ihre Arbeit wurde 1883 in Studies in Logic veröffentlicht – inzwischen hatte Christine Ladd ihren Kommilitonen Fabian Franklin (Link Englisch) geheiratet und hieß nun Ladd-Franklin. Obwohl sie alle Bedingungen für eine Promotion erfüllt hatte, verlieh ihr die Universität nicht den Doktortitel, weil Frauen dafür nicht zugelassen waren. Mit ihrem abgeschlossenen Studium war Ladd-Franklin die erste Frau mit einer Universitätsausbildung in gleichzeitig Mathematik und symbolischer Logik.

Ladd-Franklin bemühte sich immer wieder darum, an der Johns Hopkins University unterrichten zu dürfen, wurde aber ebenso oft abgeschmettert. In der Zwischenzeit besuchte sie 1884 Kelvins Master Class (Link Englisch) und begann sich 1886 mit der Farbwahrnehmung des menschlichen Auges zu beschäftigen. Während eines Sabbaticals ihres Mannes konnte sie dazu in Deutschland mit zwei Wissenschaftlern arbeiten: In Göttingen holte sie sich das Einverständnis von Georg Elias Müller ein, in seinem Labor zu forschen (auch an der Georg-August-Universität waren Frauen zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht zugelassen), anschließend suchte sie in Berlin das Labor von Hermann von Helmholtz auf und hörte Vorlesungen von Arthur König. Aus ihren Ergebnissen und den Theorien von Müller, der die Gegenfarbtheorie von Ewald Hering weiterentwickelt hatte, sowie der Dreifarbentheorie von Helmholtz und König entwickelte sie ihre eigene Theorie über die Entwicklung der Farbwahrnehmung. Sie postulierte, dass sich zuerst das Schwarz-Weiß-Sehen entwickelt habe (was auch das tiefsitzende Bedürfnis der Menschen erklären könnte, die Dinge in binäre Kategorien einzuteilen), dann das Sehen der komplimentären Blau und Gelb und erst zuletzt das Sehen von Rot und Grün, weshalb auch die Rot-Grün-Sehschwäche die häufigste Farbfehlsichtigkeit sei. Diese Theorie präsentierte Ladd-Franklin 1892 bereits auf dem International Congress of Psychology in London.

Christine Ladd-Franklin durfte noch immer nicht an ihrer Alma Mater unterrichten, wurde jedoch 1893 zum Mitglied der American Psychological Association gewählt und präsentierte als solches bis 1925 insgesamt 10 wissenschaftliche Arbeiten bei der Vereinigung. 1895 gab ihr Mann Fabian seine Professur und Universitätskarriere auf und wurde Journalist; Christine Ladd-Franklin gab von 1901 bis 1905 das Dictionary of Philosophy and Psychology mit heraus. 1904 durfte sie schließlich endlich – für fünf Jahre – an der Johns Hopkins University lehren. Nachdem ihr Vertrag dort 1909 auslief, zogen die Ladd-Franklins 1910 nach New York, wo Fabian Mitherausgeber der New York Evening Post wurde. Christine arbeitete weiter im Bereich der Farbwahrnehmung und lehrte in mehreren Jahren an ebenso vielen Universitäten, so 1912 bis 1913 an der Columbia University, 1913 in Harvard und 1914 an der University of Chicago.

44 Jahre, nachdem sie die Voraussetzungen dafür erfüllt hatte und ihre Dissertation eingereicht hatte, verlieh ihr die Johns Hopkins University 1927 schließlich ihren Doktortitel. Zwei Jahre später veröffentlichte Ladd-Franklin ihr Werk zur Farbwahrnehmung, Color and Color Theory. Am 5. März 1930 starb sie mit 83 an einer Lungenentzündung. Der Psychologe Robert S. Woodworth schrieb einen Nachruf für Science, in dem er ihre wissenschaftlichen Errungenschaften hervorhob.

Meine Lieblingsanekdote, die ich leider nicht zeitlich einordnen kann, ist die, wie Christine Ladd-Franklin vom Experimentalpsychologen Edward Bradford Titchener forderte, dass sie (und andere Frauen) in seinem Seminar dozieren können sollten; Titchener lehnte dies ab – obwohl er selbst mit Margaret Floy Washburn (Link Englisch) eine Studentin unterrichtete (oder unterrichtet hatte), die als erste Frau einen Doktortitel in Psychologie ablegte. Titcheners Begründung war unter anderem, dass in den Seminaren stark geraucht würde, worauf Ladd-Franklin erwiderte, das störe sie nicht, sie würde in Gesellschaft sogar selbst rauchen (was sich natürlich eigentlich für Frauen nicht ziemte).

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Ebenfalls diese Woche

2. Dezember 1842: Ellen Swallow Richards
Über die erste Frau, die am MIT studierte, schrieb ich (kurz) 2013, als es um Grenzgängerinnen ging.

3. Dezember 1797: Margaretta Morris (Link Englisch)
Die US-amerikanische Entemologin war mit Maria Mitchell die erste Frau, die 1850 als Mitglied in die American Association for the Advancement of Science gewählt wurde.

Leah Keshet

20. Jhdt.

Leah Keshet (Link Englisch) kam in Israel zur Welt, als sie 12 Jahre alt war, zog ihre Familie nach Kanada. An der Dalhousie University in Halifax, Nova Scotia, machte sie sowohl ihren BSc wie ihren MSc in Mathematik, einen Doktorgrad in Angewandter Mathematik erreichte sie 1982 am Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rechovot, Israel.

An der Brown University in Providence und an der Duke University in Durham, beides USA, lehrte sie in den folgenden acht Jahren, ohne eine feste Stelle angeboten zu bekommen, eine Zeit, die sie als ‚holperig‘ beschreibt und in der sie beinahe der mathematischen Biologie den Rücken zu wandte (Quelle: s.u.). 1989 konnte sie endlich eine Stelle als Außerordentliche Professorin an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, antreten. Seit 1995 hat sie dort eine volle Professur inne.

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3-dimensionale Darstellung zweier Tochter-Mauszelle in einem späten Stadium der Zellteilung (Telophase). Zu sehen ist der Spindelapparat (anti-Tubulin-Immunfärbung; orange), Aktin-Zytoskelett (Phalloidinfärbung; grün) und das Chromatin (DAPI-Färbung; cyan).
Von Lothar Schermelleh – Lothar Schermelleh, CC BY-SA 3.0

Keshets Fachgebiete ist die mathematische (oder theoretische) Biologie – die damit befasst ist, mathematische Modelle von biologischen Vorgängen zu erstellen – und die Biophysik. Ihren Fokus richtet sie insbesondere auf die Zellmigration und das Cytoskelett, ein Netzwerk aus Proteinen innerhalb eukaryotischer Zellen (Zellen mit einem Zellkern, der die DNA enthält). Ebenso erstellt sie mathematische Modelle zu Physiologie und Krankheiten sowie zum Schwarm- und Ballungsverhalten sozialer Organismen.

Sie ist Autorin dreier Bücher, darunter Mathematical Models in Biology (Mathematische Modelle in der Biologie), das als eine der wichtigsten Arbeitn auf dem Gebiet der theoretischen Biologie gilt. Im gleichen Jahr, in dem sie ihre volle Professur erhielt, war sie auch die erste weibliche Präsidentin der Society for Mathematical Biology. 2003 war sie die Preisträgerin des Krieger-Nelson-Preises, einem kanadischen Preis für Frauen in der Mathematik. Die Society for Industrial and Applied Mathematics nahm sie 2014 als Mitglied auf.

In diesem Artikel im sciencemag.com (Link Englisch) beschreibt Keshet ihren Lebensweg in eigenen Worten. Hier spricht sie von ihrer Zeit der beruflichen Unsicherheit, ihren Zweifeln und menschlichen Enttäuschungen, aber auch davon, wie sich ihr Leben schließlich so drehte, dass sie heute glücklich ist. Ihr Text spricht auf einer sehr persönlichen Ebene zu mir.

Ruth Teitelbaum

* 1924 • † 1986

Auch Ruth Teitelbaum gehört zu den Programmiererinnen des ENIAC, dem ersten turingmächtigen Universalrechner, an dem die vergangene Woche vorgestellte Marilyn Meltzer mitarbeitete sowie Frances Spence, Betty Holberton, Kay McNulty und Jean Bartik. Sie hatte einen Bachelor of Science in Mathematik am Hunter College gemacht und fand eine Anstellung an der Moore School of Electrical Engineering der University of Pennsylvania, wo sie mit den anderen fünf Frauen als ‚Computer‘ arbeitete. Als die Berechnung ballistischer Flugbahnen von Hand an Rechenmaschinen als zu umständlich erkannt wurde, lernte Teitelbaum Schaltpläne zu lesen, um die Daten per Lochkarten einzugeben.

Teitelbaum zog mit dem ENIAC zum Aberdeen Proving Ground um, wo sie mit Maria Goeppert-Mayer zusammengearbeitet haben muss. Sie unterrichtete dort zwei Jahre lang den Programmierer:innen-Nachwuchs.

Sie starb 1986. Auch sie wurde 1997 in die Women in Technology International Hall of Fame (Link Englisch) aufgenommen. Die Seite frauen-informatik-geschichte.de der Universität Bremen und des BmFSFJ stellt die Frauen und ihre Arbeit ebenfalls vor.

Marlyn Meltzer

* 1922 • † 7. Dezember 2008

Marlyn Meltzer machte mit 20 Jahren 1942 einen Universitätsabschluss an der Temple University in Philadelphia. Direkt im Anschluss fand sie eine Anstellung an der Moore School of Engineering (Link Englisch); sie konnte eine Rechenmaschine bedienen, was sie dafür qualifizierte, Berechnungen für die Wettervorhersage anzustellen. Im folgenden Jahr wechselte sie in ein Team, das für die Berechnung ballistischer Flugbahnen verantwortlich war: Meltzer wurde eine ‚Computor‘, gemeinsam mit Frances Spence, Betty Holberton, Kay McNulty, Jean Bartik und Ruth Teitelbaum; Informatikerinnen, die den ersten elektronischen turingmächtigen Universalrechner ENIAC programmierten.

Für zwei Jahre stellten die sechs Frauen alle nötigen Berechnungen von Hand an, die für die Programmierung des ENIAC nötig waren, anschließend waren sie es, die die Programmierung vornahmen; sie blieben unerwähnt, als der Computer 1946 an der University of Pennsylvania vorgestellt wurde. Marlyn Meltzer verließ kurz darauf das Projekt und heiratete, der Computer wurde zum Aberdeen Proving Ground umgezogen, wo unter anderem Maria Goeppert-Mayer mit weiterer Programmierung beauftragt wurde.

Marlyn Meltzer wurde 1997 in die Women in Technology International Hall of Fame eingeführt. Sie war ehrenamtlich tätig, unter anderem strickte sie in ihren letzten vier Lebensjahren noch mehr als 500 Chemomützen, für Menschen, die unter der Chemotherapie ihre Haare verloren haben. Sie starb am 4. Dezember 2008.

Im Dokumentarfilm Top Secret Rosies: The Female ‚Computers‘ of WWII von 2010 wird die Arbeit der Mathematikerinnen und Programmiererinnen des ENIAC gewürdigt. Dieser Artikel über die ‚Invisible Women‘ auf lifehacker.com.au befasst sich ebenfalls mit den übersehenen Frauen.

32/2020: Mary G. Ross, 9. August 1908

Mary Golda Ross (Link Englisch) kam als zweites von fünf Kindern in Oklahoma zur Welt, als Urgroßenkelin des Cherokee-Chiefs Koo-wi-s-gu-wi John Ross, der sich zunächst dem Druck der US-amerikanischen Regierung zur Umsiedlung der Ureinwohner widersetzte, seine erste Ehefrau auf dem Trail of Tears verlor und später in Oklahoma die Cherokee Nation of Oklahoma mit aufbaute. Da Mary G. Ross begabt war, lebte sie in während ihrer Kindheit bei ihren Großeltern in Tahlequah, der Hauptstadt des Cherokee County, um dort die Grundschule und eine weiterführende Schule zu besuchen. Mit 16 Jahren schrieb sie sich am dortigen Northeastern State Teachers‘ College und machte vier Jahre später ihren Bachelor-Grad in Mathematik. Während der Wirtschaftkrise in den USA Ende der 1920er Jahre unterrichtete sie Mathematik und Naturwissenschaften in Schulen im ländlichen Oklahoma. Mit 28 legte sie eine Prüfung zur Staatsdienerin ab und arbeitete als Statistikerin und als Berufsberaterin an Schulen in New Mexico. In ihrer Zeit als Lehrerin hatte sie nebenher Kurse am Colorado State Teachers‘ College (heute University of Northern Colorado) in Mathematik besucht und „jeden Astronomie-Kurs, den sie hatten“. 1938, mit 30 Jahren, legte sie dort ihre Prüfungen für den Master of Science ab.

Nachdem die USA 1941 in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, zog Ross auf Anraten ihres Vaters nach Kalifornien, weil dort die Chancen auf (anspruchsvollere) Arbeit besser standen. Tatsächlich wurde die 34-jährige im Folgejahr beim Luft- und Raumfahrtunternehmen Lockheed als Mathematikerin eingestellt. Sie arbeitete hier unter anderem an der Lockheed P-38 Lightning, eines der schnellsten Flugzeuge dieser Zeit. Es konnte im Reiseflug eine Geschwindigkeit von mehr als 640 km/h erreichen, Ross trug zur Lösung einiger Probleme im Hochgeschwindigkeitsflug und an der Aeroelastizität bei.

Mary G. Ross wusste schon damals, dass sie lieber an Raumfahrt-Projekten hätte arbeiten wollen, sprach jedoch nicht darüber, da sie meinte, ihre Glaubwürdigkeit (bei der Arbeit an Luftfahrt-Projekten) wäre hinterfragt worden. Dabei arbeitete Ross oft mit einigen anderen Kollegen bis 23 Uhr an der Forschung, ihre Instrumente dabei waren der Rechenschieber und der Friden-Computer.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, entsandte Lockheed Mary G. Ross zur Fortbildung als Ingenieurin, sie studierte erneut, dieses Mal Mathematik für moderne Ingenieurwissenschaft, Aeronautik sowie Raketen- und Himmelsmechanik. So spezialisiert, wurde sie 1952 gebeten, an den so genannten Skunk Works mitzuarbeiten, bei denen im Geheimen von wenigen Mitarbeitern an radikalen Innovationen gearbeitet wurde. In diesem Rahmen war Mary G. Ross an diversen Projekten beteiligt: An vorläufigen Designs für die Raumfahrt, für Orbitalflüge mit und ohne Besatzung, an Studien für Satelliten sowohl für militärische wie auch zivile Nutzung, an der Agena-Rakete sowie an vorläufigen Sondendesigns für Vorbeiflüge an Mars und Venus.

1958 trat sie in What’s My Line auf, der US-Vorlage für Robert Lemkes ‚Was Bin Ich‚. Davon gibt es wunderbarerweise einen Clip bei YouTube.

Mary G. Ross bei What’s My Line

Ende der 1960er Jahre wurde Ross in die Senior-Position befördert und arbeitete an der Mittelstreckenrakete UGM-27 Polaris und deren Nachfolgern. Mit 65 Jahren setzte sie sich 1973 zur Ruhe, setzte sich jedoch weiterhin ehrenamtlich in der Jugendarbeit ein, vor allem, um den Ingenieurberuf für Jugendliche der Amerikanischen Ureinwohner im Allgemeinen und Mädchen im Speziellen. Diese Aufgabe hatte sie bereits in ihrer Funktion als Staatsdienerin übernommen, seit den 1950ern war sie Mitglied der Society of Women Engineers, die ebenso für die Geschlechterparität im Ingenieursberuf aktiv ist.

2004 nahm die inzwischen 96-jährige an den Eröffnungsfeierlichkeiten des National Museum of the American Indian teil, sie trug dafür ihr erstes traditionelles Cherokee-Kleid aus Kaliko, das ihre Nichte für sie geschneidert hatte. Vier Jahre später starb Ross und hinterließ dem Museum $400.000,-, zu diesem Anlass schrieb die Cherokee Phoenix einen anekdotenreichen Nachruf.

Vergangenes Jahr (2019) war Mary G. Ross auf der Rückseite des Sacagawea-Dollar abgebildet, mit dem die Vereinigten Staaten an die Geschichte ihrer Ureinwohner erinnert. Eine Biografie, Einblicke in ihre Arbeit sowie in den Prozess des Münzdesigns bietet dieser Artikel auf der Webseite des National Museum of the American Indian.

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Ebenfalls diese Woche

4. August 1932: Frances E. Allen
Die Informatikerin und Spezialistin für Compiler erhielt 2006 als erste Frau den Turing Award und war die erste weibliche IBM Fellow.

5. August 1946: Shirley Ann Jackson
Über diese Physikerin schrieb ich 2015.

6. August 1830: Elizabeth Brown (Link Englisch)
Als Quäkerin gleichberechtigt erzogen und gebildet, war die britische Astronomin eine zentrale Figur in der Gründung der British Astronomical Association 1890, die von vorneherein Frauen als Mitglieder zuließ, anders als die Royal Astronomical Society (dort wurde bei gleichem Gründungsjahr erst 1915 die erste Frau als Mitglied gewählt). Sie leitete bis zu ihrem Tod 1899 die Abteilung für Sonnenbeobachtung der Vereinigung.

7. August 1735: Claudine Picardet (Link Englisch)
Universalgelehrte und Übersetzerin wissenschaftlicher Schriften, trug sie im frühen 19. Jahrhundert dazu bei, Paris und Dijon zu Zentren der Wissenschaft zu machen.

7. August 1907: Lucy Cranwell (Link Englisch)
Die neuseeländische Botanikerin leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet der Palynologie.

9. August 1861: Dorothea Klumpke
In den USA geborene Tochter deutscher Einwanderer, studierte Klumpke in Paris an der Sorbonne Astronomie. Sie setzte sich bei der Bewerbung um die Leitung für das Carte-du-Ciel-Projekt gegen 50 männliche Konkurrenten durch; sie war auch die erste Frau, die astronomische Beobachtungen (der Leoniden) von einem Ballon aus machte und die erste Frau in Frankreich mit einem Doktorgrad in Mathematik.

Wang Zhenyi

* 1768 • † 1797

Die Vorfahren von Wang Zhenyi – ihre Familie väterlicherseits – stammten aus der Provinz Anhui im Südosten Chinas. Ihr Großvater war Gouverneur von Xuanhua gewesen und lebte mit seiner Familie jetzt in Nanjing, wo auch Zhenyi zur Welt kam. Ihr Vater hatte eine Aufnahmeprüfung für Beamte nicht bestanden und war nun als Mediziner tätig. Von ihren Großeltern und ihrem Vater – die Mutter war nicht mehr anwesend – erhielt Zhenyi eine breitgefächerte Bildung: Der Großvater lehrte sie Mathematik und Astronomie, der Vater Medizin und Geographie und die Großmutter brachte ihr die Lyrik nahe.

Um 1780 (der englische Wikipediabeitrag sagt 1782, der deutsche sagt, sie sei 11 Jahre alt gewesen) wurde ihr Großvater nach Jilin verbannt und starb kurz darauf. Zhenyi begleitete ihre Großmutter in den Nordosten Chinas und blieb mit ihr fünf Jahre dort. In dieser Zeit las sie die 75 Bücher ihres Großvaters, außerdem lernte sie Kampfkunst, Reiten und Bogenschießen von der Ehefrau eines mongolischen Generals namens Aa. Auch andere gebildete Frauen traf sie in Jilin, die großen Einfluss auf ihre Entwicklung hatten. So studierte sie die Sprachen der Han-Chinesen bei Bu Qianyao und stand im Austausch mit Bai Hexian und Chen Wanyu (zu keiner dieser Frauen gibt es deutsche oder englische Wikipediabeiträge, die Namen sind vermutlich dem Buch Notable Women of China entnommen).

Als Wang Zhenyi 16 Jahre alt war, kehrte sie zu ihrem Vater nach Nanjing zurück, doch unternahm sie auch ausgedehnte Reisen mit ihm, bei denen sie vielseitige Eindrücke vom kontrastreichen Leben in China sammelte. Das Reisen als eine aktive, mithin „männlich“ konnotierte Tätigkeit mit den Entbehrungen, die es zu dieser Zeit bedeutete, prägte einerseits ihren lyrischen Stil – die „weibliche“ Lyrik in China ist von blumiger Sprache bestimmt – und legte andererseits den Grundstein für Wangs Überzeugung, dass Frauen den Männern in allem ebenbürtig seien.

frauenfiguren wang zhenyi präzession äquinoktium
Präzession der irdischen Rotationsachse relativ zur Sonne bei Perihel und Aphel. Dies bewirkt eine Datumsverschiebung für diese Ereignisse sowie der Tagundnachtgleichen. By Robert Simmon, NASA GSFC – Earth Observatory / NASA, Public Domain

Mit 18 begann sich Wang Zhenyi eingehend mit der Mathematik und der Astronomie zu beschäftigen. Sie ließ sich in Jiangning, einem Stadtteil Nanjings, nieder und nannte sich Jiangning Nüshi, Gelehrte aus Jiangning. In den folgenden Jahren schrieb sie mindestens 14 wissenschaftliche Arbeiten, unter anderem einen Artikel, in dem sie die Präzession der Äquinoktialpunkte erklärte – die Wanderung der Sonnenposition an den Tagundnachtgleichen über mehrere Jahre; sie wies nach, wie diese verlaufen und wie sie für die Zukunft berechnet werden könnten. In einem anderen Artikel erläuterte sie anhand eines Experiments das Phänomen der Mondfinsternis: Sie stellte einen runden Tisch in einem Gartenpavillion auf, der die Erde darstellte, hing eine Kristalllampe von der Decke, die die Sonne nachstellte, und einen Spiegel als Mond. Diese bewegte sie nun im Verhältnis zueinander und machte dieses Naturereignis so wissenschaftlich nachvollziehbar.

Im Bereich der Mathematik war sie ebenso aufklärend tätig. In einem Artikel vollzog sie den Satz des Pythagoras nach und erklärte die Trigonometrie. Außerdem übersetzte sie das Werk des von ihr verehrten Mei Wending (Link Englisch), ‚Die Prinzipien der Kalkulation‘, aus dem adligen Hochchinesisch in einfaches Chinesisch und brachte sie unter dem Titel ‚Die Notwendigkeiten der Kalkulation‘ heraus. Mit 24 veröffentlichte sie ‚Die Einfachen Prinzipien der Kalkulation‘, das ebenfalls auf Meis Werk basierte, doch Wang hatte die Mulitplikation und Division vereinfacht.

Neben all diesen wissenschaftlichen Arbeiten schrieb sie auch ihr Leben lang Gedichte, die für ihren klaren, „maskulinen“ Stil geschätzt wurden. In ihnen formulierte sie nicht nur ihre feministischen Gedanken, sondern beschrieb neben Landschaftseindrücken auch soziale Ungerechtigkeiten in China.

Mit 25 Jahren heiratete sie und zog mit ihrem Mann nach Xuancheng, wo sie Mathematik und Astronomie unterrichtete. Sie wurde wohl krank, denn in der Vorahnung ihres Todes sandte sämtliche ihrer Manuskripte an ihre Freundin Qian Yuling (auch: Madam Kuai). Wang Zhenyi starb mit 29 Jahren. Sechs Jahre später übergab Madam Kuai die Werke ihrer Freundin an ihren Neffen Qian Yiji. Dieser brachte die Texte erneut unter dem Titel ‚Die Einfachen Prinzipien der Kalkulation‘ heraus, im Vorwort nannte er Wang Zhenyi „die gelehrteste Frau seit Ban Zhao„.

14/2020: Sophie Germain, 1. April 1776

Sophie Germain wurde in Paris geboren, ihr Vater war wahrscheinlich Textilkaufmann, in jedem Fall wohlhabend. Als die Französische Revolution ausbrach, war Sophie 13 – und durch die gewaltvollen Vorgänge in den Straßen dazu gezwungen, in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben. Ihr Vater wurde einer der Vertreter der Bourgeoisie in der Nationalversammlung. In der Zeit der politischen Unsicherheit wandte sich Sophie der Sicherheit in der Bibliothek ihres Vaters zu. Eines der Bücher mit dem größten Einfluss auf ihre spätere Karriere war Histoires des mathématiques (Geschichte der Mathematik) von Jean-Étienne Montucla, die Geschichte von Archimedes und seinem Tod beeindruckte sie besonders.

Ihre Faszination für die Mathematik wurde von ihren Eltern zunächst nicht begrüßt, da sich dies zur damaligen Zeit für eine junge Dame nicht schicke. Sie versuchten, sie von weiterer Beschäftigung damit abzuhalten, indem sie ihr Zimmer nachts nicht mehr heizten und beleuchteten – doch Sophie setzte sich mit mehreren Decken und Kerzen an ihren Schreibtisch. Morgens fanden die Eltern sie schlafend am Schreibtisch, der mit mathematischen Formeln bedeckt war, die Tinte gefroren im Glas. Dieser Entschlossenheit wollten sie sich nicht mehr entgegenstellen und gestatteten ihr das Studium der Mathematik, ihre Mutter unterstützte sie schließlich aktiv in ihrer Bildung. Sophie Germain brachte sich zusätzlich auch Latein und Griechisch bei, um die Werke von Isaac Newton und Johann Albrecht Euler lesen zu können.

1794, noch vor Ende der Revolution, wurde die École polytechnique gegründet – doch der inzwischen 18-jährigen Germain war es wegen ihres Geschlechts nicht erlaubt, die Schule zu besuchen. Ein befreundeter Student der Schule, Antoine-Auguste LeBlanc, beschaffte ihr die Vorlesungsunterlagen. Als LeBlanc in den Auseinandersetzungen der Revolution starb, setzte sie ihr Studium ohne seine Unterstützung fort. Sie verwendete den Namen LeBlanc, um Lösungen für die mathematischen Probleme einzureichen, die der Professor Joseph-Louis Lagrange seinen Studenten stellte. Von der Intelligenz seines ‚Schülers‘ LeBlanc angetan, wollte er ‚ihn‘ treffen und war zwar überrascht, aber nichtsdestotrotz begeistert von Sophie Germain. Er wurde einer ihrer ausdauerndsten Unterstützer und Förderer.

Aufgrund der Veröffentlichung eines Essays zur Zahlentheorie von Adrien-Marie Legendre begann sich auch Germain für diesen Bereich der Mathematik zu interessieren. Sie nahm Kontakt mit ihm auf, um sich auszutauschen. Einige Zeit später veröffentlichte Carl Friedrich Gauß die Disquisitiones Arithmeticae (Zahlentheoretische Untersuchungen); nachdem sie sich drei Jahre mit den Aufgaben und Fragen beschäftigt hatte, sie sein Werk aufstellte, begann sie unter dem Pseudonym LeBlanc auch mit ihm eine Korrespondenz. Als 1806 Braunschweig von Napoleon besetzt wurde, war Germain um den dort lebenden Gauß besorgt und nutzte ihre gesellschaftliche Stellung, um seine Sicherheit zu gewährleisten. Der französische Kommandant Penetry war ein Freund der Familie, ihn bat sie, Gauß vor einem archimedischen Schicksal zu schützen. Als er dies gegenüber dem Schützling Gauß erwähnte, konnte dieser mit dem Namen Sophie Germain nichts anfangen, da er sie als Antoine-Auguste LeBlanc kannte. Erst drei Monate später offenbarte Germain Gauß ihre Identität, dessen Anerkennung daraufhin wuchs, denn schließlich hätten Frauen weit größere Hürden zu überwinden bei der Verfolgung ihrer wissenschaftlichen Ziele. Doch obwohl er ihre Arbeit schätzte, war die Korrespondenz meist einseitig, Gauß erwähnte keine von Germains Schriften in seinen Arbeiten und auch der Briefwechsel endete kurze Zeit nach Germains Offenbarung.

Stattdessen wandte sich Germain zunächst dem Thema der Elastizität zu, anlässlich einer Preisausschreibung der Académie des sciences, angeregt von Ernst Florens Friedrich Chladnis Experimenten mit schwingenden elastischen Platten. Die Herausforderung war, zu diesen Schwingungen eine mathematische Theorie zu entwickeln. 1809 begann Sophie Germain an diesem Problem zu arbeiten, zunächst mit nur einem Konkurrenten um den Preis, Siméon Denis Poisson, der jedoch noch vor dem Ablauf des Wettbewerbs in die Académe aufgenommen wurde und somit vom Mitstreiter zum Preisrichter aufstieg. Germains Einreichung 1811 war die einzige, doch die Jury empfand ihre Gleichungen als nicht hinreichend begründet und verlieh den Preis nicht; Joseph-Louis Lagrange war allerdings auf der Basis von Germains Berechnungen in der Lage, eine Gleichung zu erstellen, die ‚unter bestimmten Voraussetzungen‘ gültig war.

Der Wettbewerb wurde um zwei Jahre verlängert und Germain machte sich gleich an eine Überarbeitung ihrer Schrift. Während sie in der ersten Runde noch die Unterstützung von Adrien-Marie Legendre gehabt hatte, war sie nun auf sich allein gestellt, und ihre zweite Einreichung 1813 war voller Berechnungsfehler. Sie erhielt eine ehrenhafte Erwähnung, doch der Wettbewerb wurde ein weiteres Mal um zwei Jahre verlängert.

Dieses dritte Mal ließ sie sich zunächst von Poisson beraten, doch dieser veröffentlichte 1814 eine eigene Arbeit zum Thema, in der er mit keinem Wort erwähnte, dass seine Berechnungen in Zusammenarbeit mit Germain zustande gekommen waren und er als Mitglied der Académie Zugang zu ihren Vorarbeiten gehabt hatte. Sophie Germain sollte ihren dritten Versuch 1815 schließlich auch unter ihrem eigenen Namen einreichen und endlich 1816 als erste Frau in der Geschichte einen Preis der Académie des sciences gewinnen. Aus Protest gegen die Behinderung und Herabsetzung, die sie von einigen der Preisrichter hatte hinnehmen müssen, blieb Germain der Preisverleihung fern. Und einen Zugang zu den Versammlungen der Académie verschaffte ihr der gewonnene Preis auch nicht – den hatten nur die ausschließlich männlichen Mitglieder und deren Ehefrauen. Erst sieben Jahre später konnte die preisgekrönte Mathematikerin an den Sitzungen teilnehmen, weil Joseph Fourier, mit dem sie sich angefreundet hatte, ihr Eintrittskarten organisierte.

Ihre gekürte Arbeit zur Elastizität veröffentlichte sie 1821 auf eigene Kosten, um ihre Beteiligung an Poissons Schrift von 1814 zu verdeutlichen, eine überarbeitete Fassung erschien fünf Jahre später.

Nachdem der Preis zum Thema Elastizität verliehen war, schrieb die Académie einen Preis aus für den Beweis des Satzes von Fermat. Damit wandte sich auch Germain diesem Bereich der Zahlentheorie zu und sie nahm nach zehn Jahren des Schweigens die Korrespondenz zu Gauß wieder auf. In ihrem Brief an ihn beschrieb sie eine Strategie für den Beweis des Satzes, der zeigt, dass sie einer Lösung für das Problem auf der Spur war; doch Gauß antwortete nie auf ihren Brief. Germain schrieb stattdessen ein Manuskript, das jedoch nie veröffentlicht wurde; darin bewies sie, dass der 1. Fall des Fermat’schen Satzes für bestimmte Primzahlen zutraf. Ihre Beweisführung wurde nur dadurch überhaupt bekannt, dass Legendre diesen Beweis in einer Fußnote seiner eigenen Arbeit erwähnte. Diese Primzahlen, mit denen Germain ihren Beweis erbrachte, heißen heute Sophie-Germain-Primzahlen.

Sophie Germain arbeitete noch einige Jahre an diesem und anderen mathematischen Themen, ebenso beschäftigte sie sich mit Philosophie und Psychologie. Ihr Anliegen war es, mathematische Methoden auch auf diese Bereiche anwendbar zu machen. 1829 erhielt sie eine Brustkrebsdiagnose und 1831 starb sie mit 55 Jahren an der Krankheit. Trotz seiner Zurückhaltung im Briefwechsel mit ihr klagte Gauß sechs Jahre nach ihrem Tod, dass sie eine Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen verdient hätte: „Sie bewies der Welt, dass sogar eine Frau etwas erwähnenswertes erreichen kann in der exaktesten und abstraktesten Form der Wissenschaft.“ (Quelle: Wiki)

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