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5/2020: Alice Catherine Evans, 29. Januar 1881

Alice Catherine Evans wurde anfangs auf der Farm ihres Vaters in Pennsylvania, USA, von ihrer Mutter, einer Lehrerin, unterrichtet. Später besuchte sie nahegelegene Schule, die aus einem Klassenzimmer bestand. Sie hatte gute Schulnoten und begann eine Ausbildung zur Lehrerin; später schrieb sie in ihren Memoiren, dass sie diesen Weg nur einschlug, weil Lehrerin der einzige denkbare Beruf für Frauen zu diesem Zeitpunkt war. Allerdings langweilte sie sich in dieser Tätigkeit und nahm nach vier Jahren als Lehrerin das Angebot der Cornell University für Landlehrer:innen an, weitere Universitätskurse zu besuchen. Sie erhielt ein Stipendium und schloss 1909 einen Bachelor of Sciences in Bakteriologie ab, um anschließend an der University of Madison-Wisconsin als erste Frau mit einem Bakteriologiestipendium bis zum Master of Sciences zu studieren. Anschließend war sie auch die erste Wissenschaftlerin, die als Bakteriologin beim Landwirtschaftsministerium der USA fest angestellt wurde, sie wurde dort Beamtin und arbeitete an der Verfeinerung des Herstellungsprozesses von Käse und Butter. Außerdem untersuchte sie die Ursachen bakterieller Verunreinigung von Milchprodukten.

Im Rahmen dieser Untersuchungen beschäftigte sie sich vor allem mit der Brucellose. Dieser Infekt verursacht Fehlgeburten bei Tieren, Evans erforschte den Zusammenhang des Infektes mit Fieber, das bei Menschen auftrat, die nicht pasteurisierte Milch getrunken hatten. Die Bakterien konnten sowohl bei erkrankten wie bei symptomfreien Kühen nachgewiesen werden, daher war es möglich, dass sich Menschen auch über die Milch gesund erscheinender Tiere anstecken konnten. Ihr warnender Beitrag im Journal of Infectious Diseases im Jahr 1918, dass Milch nicht mehr ohne Pasteruisierung konsumiert werden sollte, stieß bei ihren Fachkollegen auf Skepsis – weil sie eine Frau war und auch keinen Doktorgrad innehatte.

Im Laufe der 1920er kamen jedoch Forscher weltweit zu den gleichen Ergebnissen, in den 1930ern wurde die Pasteurisierung in der Milchwirtschaft als Standard eingeführt und die Brucellose als Erkrankung so entscheidend bekämpft.

Evans wechselte 1918 vom Landwirtschafsministerium zum Public Health Service, dort forschte sie zu epidemischen Infektionskrankheiten wie Influenza und Meningitis und steckte sich 1922 dort selbst mit dem Maltafieber an, unter den Spätfolgen litt sie für den Rest ihres Lebens. 1945 setzte sie sich beruflich zur Ruhe, doch blieb sie aktiv: Sie wurde eine beliebte Vortragsrednerin in Frauengruppen zur Karriere in der Wissenschaft. Mit 94 Jahren starb sie 1975 an den Folgen eines Schlaganfalls.

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Ebenfalls diese Woche

28. Januar 1929: Edith M. Flanigen
Über die Chemikerin habe ich 2019 geschrieben.

29. Januar 1947: Linda B. Buck
Für ihre Forschungen zum Riechsystem wurde die Neurophysiologin 2004 gemeinsam mit ihrem Kollegen Richard Axel mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet. Sie entdeckte, wie Riechen neurophysiologisch funktioniert, welche Gene die Vorlagen für die Rezeptoren des Geruchssinns enthalten und die Grundlagen für die molekulargenetische Erforschung des Geruchssinns.

1. Februar 1945: Jane Plant (Link Englisch)
Die Geochemikerin war eine Pionierin auf ihrem Gebiet und Commander of the Most Excellent Order of the British Empire, Fellow of the Royal Academy of Engineering, Fellow of the Royal Society of Edinburgh udn Fellow of the Royal Society of Arts.

5/2019: Edith M. Flanigen, 28. Januar 1929

Edith M. Flanigen entdeckte ihre Begeisterung für die Chemie – gemeinsam mit ihren beiden Schwestern – durch eine Lehrerin in der High School. Alle drei studierten Chemie an der Syracuse University; Edith schloss ihr Studium schließlich mit 23 Jahren als Master of Science ab. Sie begann bei Union Carbide, einem Unternehmen der Chemie-Industrie, zu arbeiten, zunächst mit der Aufgabe, Silikonpolymere (Molekülketten aus Siliziumverbindungen) zu identifizieren, zu reinigen und zu gewinnen, vier Jahre später wurden Molekularsiebe ihr Themenschwerpunkt: Chemische Stoffe, in denen die Moleküle derart in einer Gitterform angeordnet sind, dass die Atome anderer Elemente darin hängenbleiben und somit aus einer Verbindung herausgesiebt werden.

Nach 17 Jahren Arbeit in diesem Bereich wurde sie 1973 die erste weibliche wissenschaftliche Mitarbeiterin, zehn Jahre später die erste weibliche Leitung einer Arbeitsgruppe bei Union Carbide. In den insgesamt 42 Jahren, die sie bei Union Carbide tätig war, entwickelte sie über 200 synthetische Stoffe, darunter Zeolith Y, der synthetischen Form des Faujasit, und einen synthetischen Smaragd, der als Schmuckstein und bei Lasern im Mikrowellenbereich zum Einsatz kommt. Sie ist Inhaberin von über 100 Patenten (USA), war die erste Frau, die die Perkin Medal erhielt, und bekam 2012 die National Medal of Technology and Innovation von Barack Obama verliehen.

Trotz dieser anerkannten Leistungen: Wer ihren Namen nicht kennt, wird auch über das von ihr entwickelte Zeolith Y nicht auf sie stoßen. Laut des englischen Wikipedia-Eintrages ist sie „best known as the inventor of Zeolith Y„, doch der Link zu Zeolith Y wird weitergeleitet zu seiner in der Natur auftretenden Form Faujasit; laut des deutschen Wikipedia-Eintrages war sie „maßgeblich beteiligt an der Entwicklung“ von Zeolith Y, zu dem es auch tatsächlich einen Eintrag gibt – in dem sie namentlich überhaupt nicht vorkommt, sondern stattdessen ein Donald Breck als derjenige genannt wird, dem es gelang, den Stoff zu synthetisieren. Zu Donald Breck gibt es jedoch weder einen englischen noch einen deutschen Wikipedia-Eintrag. Auch wenn man das von ihr erfundene Molekularsieb googelt, stößt man so gut wie nie auf ihren Namen (unter dem Link: die eine englischsprachige Seite, auf der „EM Flanigen“ in den references genannt wird; unter anderen).

Ich weiß, dass Wikipedia nicht den Wissenskanon ganzer wissenschaftlicher Forschungs- und Fachbereiche abdecken kann. Dennoch vermute ich hier den Matilda-Effekt, der dafür sorgt, dass die Beteiligung oder Errungschaften weiblicher Wissenschaftlerinnen zugunsten ihrer männlichen Kollegen, Vorgesetzten und/oder Arbeitgeber verschwiegen oder verleugnet wird. Ich bin selbst keine geübte und schon gar nicht registrierte Wikipedia-Lektorin, aber das wäre mal eine kleine, aber sinnvolle Aufgabe, Edith M. Flanigen in den entsprechenden Artikeln zu ihrer Erfindung zu verlinken.

WEG MIT
§219a!