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Matilda und die verschwundenen Frauen

Dieser Text ist als Beitrag zur Blogparade der Münchner Stadtbibliothek entstanden, in der es um Frauen und Erinnerungskultur geht. Während die Frage eigentlich in die Richtung der Literatur- und Kunst-Blogger:innen ging, trieb mich in diesem Jahr eben besonders dieser Begriff um, der wie die Hand in die Stulpe passt. Nur wenige Tage zuvor hat auch Melanie Jahreis über die scheinbar fehlenden Forscherinnen und Erfinderinnen geschrieben!

Wenn im Weiteren von Frauen und Wissenschaftlerinnen gesprochen wird, möchte ich voranstellen, dass Gage und Rossiter ihren Blick auf Frauen allgemein richten, wir aber natürlich alle wissen, dass der Effekt zwar für weiße Frauen ein Problem ist, Womxn of Colour aber in der Intersektion von Sexismus und Rassismus wesentlich härter getroffen werden. Sie tauchten sozusagen noch gar nicht am Platz auf, als weiße Frauen immerhin schon auf der Ersatzbank sitzen durften.

„Keine Aussage über die Frau ist gebräuchlicher, als dass sie keinen erfinderischen oder mechanischen Schöpfergeist habe“, schreibt Matilda Joslyn Gage 1870 in ihrem Essay Woman as Inventor. Die amerikanische Suffragette, die sich auch für die Abschaffung der Sklaverei und die Rechte amerikanischer Ureinwohner einsetzte, schlägt in ihrem Text den Bogen von den schöpferischen Gottheiten Ägyptens – Isis – und Griechenlands – Pallas Athene und Ceres – zu Leizu, die in China als die Erfinderin der Serikultur verehrt wird, und weiter zu zahlreichen Patenten der Neuzeit, die auf Ideen von Frauen zurückgehen. Sie nennt klarsichtig die Gründe, warum Namen von Frauen seltener auf Patenten erscheinen und warum Erfinderinnen der Allgemeinheit meist weniger bekannt sind: „Während, wie aufgezeigt wurde, viele der wichtigsten Erfindungen der Welt der Frau zu verdanken sind, ist der Anteil der weiblichen Erfinderinnen viel kleiner als der männlichen, welches aus der Tatsache entsteht, dass die Frau nicht die gleiche Fülle an Freiheit besitzt wie der Mann. Eingeschränkt in Bildung, gewerblichen Chancen und politischer Macht, ist dies eines der vielen Beispiele, bei denen sich ihre Herabwürdigung schädlich auf die ganze menschliche Rasse auswirkt. […] Der politischen Macht entzogen, wie die Frau ist, sieht sie sich der Verachtung für ihr Geschlecht, offener und verborgener Verachtung der Weiblichkeit, herablassender Anspielungen über ihre intellektuellen Fähigkeiten gegenüber – alles dient dazu, den Ausdruck ihres erfinderischen Schöpfergeistes zu verhindern.“ So sind die Patente für Erfindungen von Frauen oftmals im Namen ihres Ehemannes als ‚Eigentümer‘ oder Vormunde der Frauen eingetragen – denn als Eigentümer der Frauen sind sie auch Eigentümer derer geistigen Produkte.

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Egreniermaschine, gebaut von Eli Whitney, vermutlich nach einer Idee von Catharine Greene Miller
By Tom Murphy VII – Taken by uploader, user:brighterorange., Public Domain

Neben der männlichen Ablehnung einer grundsätzlichen weiblichen Befähigung nennt sie auch die strukturelle Gewalt der partriarchalischen Gesellschaft, die unter anderem durch soziale Ächtung geschäftstüchtiger Frauen ausgeübt wurde; dies insbesondere anhand der Erfinderin der Egreniermaschine, die der Ingenieur Eli Whitney nur nach der Idee von Catharine Greene Miller (Link Englisch) habe bauen können. Greene Miller habe ihren Namen nicht auf das Patent gesetzt, da derlei Unternehmergeist an einer Dame ungebührlich gewesen wäre. (Diese Anekdote ist allerdings umstritten.)

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Mehr als 100 Jahre später machte die Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter (Link Englisch) eine ähnliche, immer noch aktuelle Beobachtung. Rossiter hatte während ihres Studiums in Yale bei einem formlosen Treffen von Lehrenden und Studierenden gefragt, ob es jemals weibliche Wissenschaftlerinnen gegeben habe. Die Antwort: „Nein, gab es nicht, jede Frau, die als solche in Frage käme, arbeitete nur einem männlichen Wissenschaftler zu.“ Dies Mitte der 1970er Jahre, wohlgemerkt. Mit dieser Antwort verständlicherweise mehr als unzufrieden, konzentrierte sich Rossiter auf die Rolle der Frauen in der amerikanischen Wissenschaftsgeschichte – und fand in ihrer Arbeit als Postdoktorandin die Biografien hunderter Wissenschaftlerinnen unter anderem im Nachschlagewerk American Men of Science (sic!, inzwischen heißt das Werk American Men and Women of Science, nächster Schritt hoffentlich: American Persons of Science). Sie schrieb darüber in einem Artikel, der von den Magazinen Science und Scientific American abgelehnt wurde, aber schließlich von American Scientist veröffentlicht wurde.

Obwohl ihr nur lauwarmes Interesse aus Wissenschaftler- wie Historiker-Kreisen entgegenschlug und sogar einige Wissenschaftlerinnen meinten, es gäbe in dieser Hinsicht nichts zu entdecken, betrieb Rossiter ihre Forschung weiter. Die Suche nach „verschwundenen“ weiblichen Wissenschaftlerinnen erbrachte immer weitere Funde, sodass Rossiter schließlich nicht nur ein Buch, sondern ganze drei Bände zum Thema Frauen in der Wissenschaft schreiben sollte. 1981 erhielt sie ein Guggenheim-Stipendium, das ihre Arbeit zum Teil finanzierte. Die drei Bände ihrer Arbeit heißen Women Scientists in America, Struggles and Strategies to 1940 (1982), Women Scientists in America: Before Affirmative Action, 1940-1972 (1995) und Women Scientists in American Volume 3: Forging a New World Since 1972 – letzteres wurde 2012 veröffentlicht.

Rossiters eigene akademische Karriere selbst blieb auch nicht unberührt von misogynen Hindernissen, sodass sie sich zeitweise so fühlte wie die Frauen, über die sie schrieb: „Ich nehme an, ich bin eine 78rpm-Schallplatte in einer 33rpm-Welt.“ (Quelle: Wiki) Sie hatte Schwierigkeiten, eine feste Stelle an einer Universität zu erlangen, weil sie als Wissenschaftshistorikerin angeblich keinem Fachbereich richtig angehöre. Eine ursprünglich einjährige Anstellung an der Cornell University wurde zwar auf drei Jahre ausgedehnt, jedoch nur unter finanziellen Einschränkungen. Erst als eine andere Universität ihr eine volle Professur anbot, riss sich ihr Arbeitgeber zusammen und schuf einen Fachbereich für Wissenschaftsgeschichte, in dem sie fest angestellt wurde. Danach konnte sie auch den zweiten Band ihrer Buchreihe herausbringen.

1993 veröffentlichte Rossiter den Artikel, in dem sie den Begriff Matilda-Effekt (hier lohnt sich, wie des Öfteren, auch der Blick auf den englischen Beitrag) prägte: The Matthew Matilda Effect in Science. Sie greift darin auf einen anderen Effekt zurück, der 1968 vom amerikanischen Soziologen Robert K. Merton als Matthäus-Effekt beschrieben wurde. Bezugnehmend auf die Bibelstelle Matthäus 13:12 – „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er eine Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ – bezeichnet er die Tatsache, dass sich bei Personen, die bereits einen Erfolg zu verzeichnen haben, weitere Erfolge anschließen. In der wissenschaftlichen Welt bedeutet dies, dass, wenn ein Wissenschaftler durch ein aufsehenerregendes Forschungsergebnis Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit erlangt, er mehr zitiert wird und sich dadurch mehr Chancen für weitere prestigeträchtige Arbeiten auftun. Gleichzeitig verschwinden andere Wissenschaftler mit ihren Ergebnissen hinter dem Glanz dieses „Genies“, ja zum Teil werden deren Erfolge fälschlicherweise auch einem bereits bekannten, erfolgreichen Wissenschaftler zugeordnet. Ironischerweise wird die Beschreibung und Untersuchung dieses Effekts zwar Robert K. Merton zugeschrieben, er stützte seine Arbeit jedoch in hohem Maß auf die Dissertation seiner zweiten Frau, Harriet Zuckerman.

Rossiter führt vor dem Hintergrund ihrer beträchtlichen Recherche für die `Women Scientists in America´-Trilogie einige Beispiele an und erläutert die unterschiedlichen Wege, wie diese Verdrängung in besonderem Maße Frauen in der Wissenschaft betrifft. So verweist sie auf die Nepotismus-Regelung an amerikanischen Universitäten (der auch ich mit ungläubigem Staunen begegnet bin), die es untersagte, dass bei einem Ehepaar beide fest bzw. mit voller Professur an einer Universität arbeiten durften; damit sollte ‚Vetternwirtschaft‘ verhindert werden, was es jedoch tatsächlich vereitelte, war die angemessene Anstellung und Bezahlung wissenschaftlich arbeitender Ehefrauen. Wissenschaftlerinnen waren auch in Gefahr, ‚für ihre Forschung‘ geheiratet zu werden, da ihre Arbeitsergebnisse dann häufig als gemeinschaftlicher Erfolg unter dem Namen des Mannes veröffentlicht werden konnten.

Unter den Beispielen für den Matilda-Effekt, die Rossiter anführt, sind mehrere, die ich auch hier auf frauenfiguren besprochen habe:

Maria Goeppert-Mayer sei ja wie Marie Curie noch recht gut weggekommen, da sie ebenbürtig mit ihren männlichen Kollegen den Nobelpreis für Physik gewonnen habe (vorher war sie jedoch von der fragwürdigen Nepotismus-Regel betroffen gewesen und hatte einen Großteil ihrer Arbeit schlecht oder unbezahlt geleistet). Andere Beispiele sind
• die Pathologin Frieda Robscheit-Robbins (Link Englisch), der 1934 Anteile des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin zugestanden hätten
Candace Pert (Link Englisch), die an der Entdeckung der Opioidrezeptoren beteiligt war
Ruth Hubbard, deren sämtliche Forschungsarbeiten zur Biochemie des Sehens nach ihrer Eheschließung mit George Wald unter seinem Namen erfasst wurden
Isabella Karle, die noch 1985 feststellen musste, dass ihre fünfzigjährige Zusammenarbeit mit ihrem Mann an Kristallstrukturanalysen sie weniger für den Nobelpreis für Chemie qualifizierten als einen männlichen Kollegen

Nach diesen zahlreichen namentlichen, jedoch keinesfalls alleinstehenden Beispielen dafür, wie die wissenschaftliche Arbeit von Frauen von Männern angeeignet oder ihnen zugeschrieben wurde, schließt Rossiter den Artikel mit der Darlegung, warum sie sich für Matilda Joslyn Gage als Namenspatin für den Effekt entschieden hat, statt für eine der zwei biblischen Alternativen, Priszilla und Martha (die als Äquivalent zum Evangelist Matthäus nahe lägen). Sie fühlt sich der amerikanischen Menschenrechtsaktivistin am meisten verbunden, aufgrund der eingangs beschriebenen Beobachtung, und wünscht, dass diese ebenfalls in den Schatten der patriarchalen Geschichtsschreibung getauchte Aktivistin durch eine Anerkennung des Matilda-Effektes mehr Aufmerksamkeit erfahren soll.

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In diesem Jahr der Wissenschaftlerinnen auf frauenfiguren ist mir der Matilda-Effekt in verschiedenen Formen und Abstufungen beinahe jede Woche mindestens einmal begegnet, und jedesmal hat es die Flamme feministischer Wut neu in mir angefacht. Zwei Dinge werden immer wieder deutlich. Erstens: In der männlich dominierten Welt – der Wissenschaft und allgemein – stehen Frauen unter dem Druck, sich als `die Beste´zu positionieren, um überhaupt gesehen zu werden und Raum zu erhalten; dabei müssen sie Heerscharen von guten, mittelmäßigen und auch vernachlässigbaren Männern im gleichen Arbeitsbereich überstrahlen. Frauen können sich nicht erlauben, mittelmäßig zu sein. Und zweitens: Sie sind von Anfang bis Ende (und auch heute noch) von der Unterstützung und dem Wohlwollen der Männer in ihrem Leben abhängig. Die Väter mussten die Ausbildung unterstützen und fördern, die Lehrer und Schulvorstände mussten sie als Schülerinnen und Studentinnen zulassen, die Kollegen mussten sie als gleichwertig betrachten und ihre Arbeit als solche wertschätzen, die Ehemänner mussten ihnen erlauben, weiter zu arbeiten und ihre Erkenntnisse unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen. Andere Frauen wiesen vielleicht den Weg, aber die Männer mussten ihn ebnen – und sie vorangehen lassen.

Gegen die patriarchale Dominanz der Männer in der Wissenschaft und der Gesellschaft insgesamt müssen Wissenschaftlerinnen und Frauen allgemein immer noch ankämpfen. Rossiters Erkenntnis und Benennung des Matilda-Effektes sollte dazu beitragen, die misogyne Mechanik zu erkennen und ihr entgegenwirken zu können. Dennoch ist er an vielen Stellen noch immer nicht behoben, denn das System schreibt sich fort, der Effekt selbst wird in Zweifel gezogen und die Bücher, aus denen wir über die Geschichte und die Wissenschaft lernen, sind noch nicht alle umgeschrieben. Als ich dieses Blog ins Leben rief, ging es mir genau darum: Die Vielzahl an unterschiedlichen Frauen aufzuzeigen, die es immer gab und immer geben wird, die in allen Bereichen des Lebens ebenso nennenswert sind wie Männer. Der Matilda-Effekt ist für mich inzwischen ein gängiger Begriff und ich schaue immer öfter einmal mehr danach, ob und wie weit Frauen an wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Errungenschaften beteiligt oder sogar federführend waren. Damit Matilda nicht mehr vergessen wird.

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Übrigens ist es selbstverständlich ganz eigennützig, wenn ich auch hier noch einmal darauf hinweisen möchte, wie wichtig und von mir sehr geschätzt die Arbeit der Wikipedianer:innen ist, die sich besonders um das Vorhandensein und die Ausführlichkeit von Wiki-Beiträgen zu Frauen bemühen; oft gegen starke misogyne Gegenwehr. Hätte ich nicht dieses Blog und zugegebenermaßen mehr mentale Ressourcen und die innere Stärke, wäre das das nächstbeste zu frauenfiguren, womit ich meine Zeit verbringen könnte. So aber möchte ich nur `Danke´sagen und noch mehr Expert:innen und Koryphäen bitten, auf Wikipedia gegen den Matilda-Effekt tätig zu werden.

Kathy Vivas

* 1972

Kathy Vivas (Link Englisch) hat einen Abschluss in Physik der Universidad de los Andes und einen Doktor in Astrophysik der Yale University. Bei der Forschung für ihre Dissertation entdeckte sie neue RR-Lyrae-Sterne – eine Art pulsationsveränderlicher Sterne. Eine ausführliche und sehr gemütliche Erläuterung dieser Sternenart findet sich im Clip unten von Herrn Gaßner für den Kanal von Urknall, Weltall und das Leben – der auch auf Henrietta Swan Leavitt als eine der Entdeckerinnen von Pulsaren und Lise Meitner als Opfer des Matilda-Effekts Bezug nimmt.

Pulsationsveränderliche Sterne, erklärt von Josef Gaßner; Urknall, Weltall und das Leben

Mit der Kombination eines Wide-Field-Teleskops und einer Megapixel-Kamera entdeckte Vivas an die 100 von diesen Sternen in sehr weiter Entfernung von der Erde, zwischen 13.000 und 220.000 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt und somit wohl die ältesten Sterne unserer Galaxie, der Milchstraße. Nach der aktuellen Theorie entstand zuerst der ‚Heiligenschein‘, der Galaktische Halo, vor mehr als 13 Milliarden Jahren; die Galaktische Scheibe und die Spiralarme entstanden erst in der Folgezeit. So ermöglichte Vivas‘ Entdeckung die weitere Erforschung der Struktur und Eigenschaften der äußeren Teile der Milchstraße.

Ihre Forschungsergebnisse präsentierte sie am 12. Januar 2000 beim Treffen der American Astronomical Society in Atlanta.

45/2020: Suzanne Comhair-Sylvain, 6. November 1898

Suzanne Comhaire-Sylvain (Link Englisch) kam in Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis, als Tochter des haitianischen Dichters, Anwalts und Diplomaten Georges Sylvain (Link Englisch) und dessen Frau zur Welt. Sie studierte in ihrer Geburtstadt und Kingston auf Jamaika, bevor sie in Paris ihren BSc und ihren Doktortitel in Anthropologie machte. Damit war sie die erste weibliche Anthropologin haitianischer Abstammung.

Ihr Interesse galt der haitianischen Folklore sowie der Rolle und sozialen Situation der Frau in Haiti und Afrika. Vor allem aber forschte sie zur Herkunft des haitianischen Kreol, eine Kreolsprache, die durch den Kontakt der afrikanischen Sklaven mit französischen Siedlern entstand. Das haitianische Kreol besteht aus zahlreichen französischen Vokabeln aus dem 18. Jahrhundert sowie der Niger-Kongo-Sprachen, weist aber auch Einflüsse des Spanischen, Portugiesischen, Englischen und west-afrikanischer Sprachen auf (hier lohnt sich bei Interesse auch der englische Wikipedia-Beitrag). Einen kleinen Einblick, wie haitianisches Kreol klingt, bietet der kurze Clip unten. Die Gesprächsrunde zur Geschichte und Gegenwart der Sprache klingt auch spannend.

Erste Lektionen zum Erlernen des haitianischen Kreol von HaitiHub
Eine Gesprächsrunde haitianischer Stimmen zur Geschichte und Gegenwart des Kreol

Comhaire-Sylvains Forschungen wurden wenig beachtet, da zu dieser Zeit – und auch heute noch! – Misch-Sprachen nicht allgemein als Sprachen anerkannt wurden und werden. (Dabei zeigen gerade diese jüngeren Sprachen so wundervoll das natürliche Streben nach einer Grammatik auf, etwa wie sich aus Pidgin-Sprachen, die auf das Wesentliche reduziert sind, in zweiter Generation die komplexeren Kreol-Sprachen entwickeln!)

Der polnische Sozialanthropologe Bronisław Malinowski jedoch wurde über ihre Arbeit auf Comhaire-Sylvain aufmerksam und lud sie zu sich nach London ein. Dort wurde sie seine Forschungsassistentin und besuchte zugleich weitere Kurse an der London University, später an der London School of Economics. Außerdem recherchierte sie sehr erfolgreich zu ihrem Thema in den Archiven des British Museum und schrieb daraufhin ihr Hauptwerk zu den afrikanischen Wurzeln des haitianischen Kreol (vermutlich 1953: ‚Haitian Creole: grammar, texts, vocabulary.‘).

In ihrem weiteren Leben betrieb sie Feldforschung auf Haiti, im Kongo, in Togo und Nigeria. Sie heiratete Jean Comhaire (daher der Doppelname), den belgischen Leiter des Fachbereichs für Anthropologie an der University of Nigeria in Nsukka, und leitete mit ihm eine UNESCO-Mission auf Haiti.

Suzanne Comhaire-Sylvain starb am 20. Juni 1975 in Nigeria an den Folgen eines Autounfalls.

Die Familie Sylvain ist voller wichtiger haitianischer Persönlichkeiten. Ihr Vater Georges war ein Aktivist und Symbol der Auflehnung gegen die amerikanische Besatzung Haitis, sein Bruder, Suzannes Onkel, Benito Sylvain (Link Englisch) war neben seiner journalistischen Tätigkeit ebenfalls Anwalt udn Diplomat, wie Georges, war 1900 an der Organisation des ersten Pan-Afrikanischen Kongress beteiligt und gilt mithin als einer der Mitbegründer des Panafrikanismus. Suzannes Schwester Yvonne Sylvain (Link Englisch) war die erste weibliche Ärztin haitianischer Abstammung, die erste Gynäkologin Haitis und Mitglied der Ligue Féminine d’Action Sociale (Link Englisch), die die andere Schwester, Soziologin Madeleine Sylvain-Bouchereau (Link Englisch) mitgegründet hatte.

Sämtliche Arbeiten Suzanne Comhaire-Sylvains wurden bis 2014 von den Bibliotheken der Stanford University katalogisiert und öffentlich zugänglich gemacht.

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Ebenfalls diese Woche

4. November 1942: Patricia Bath (Link Englisch)
Als erste WoC/afroamerikanische Frau war sie Assistenzärztin der Ophthalmologie an der New York University sowie Chirurgin am UCLA Medical Center, außerdem die erste Ärztin of Colour mit einem medizinischen Patent. Sie war Pionierin der Laserchirurgie bei Katarakten (CN Bilder), hielt fünf Patente inne und gründete das Institute for the Prevention of Blindness in Washington, D.C.

6. November 1988: Alexandra Elbakyan
Die kasachische Programmiererin startete 2011 die Schattenbibliothek Sci-Hub, um wissenschaftliche Texte auch wirtschaftlich benachteiligten Studierenden zugänglich zu machen; dies allerdings unter Verletzung des Urheberrechtes.

frauenfiguren zombie marie curie xkcd Person: 'My teacher always told me that if I applied myself, I could become the next Marie Curie' MC: 'You know, I wish they'd get over me.' P: 'Zombie Marie Curie!' MC: 'Not that I don't deserve it. These two Nobels ain't decorative. But I make a sorry role model if girls just see me over and over as the one token lady scientist. Lise Meitner figured out that nuclear fission was happening, while her colleague Otto Hahn was staring blankly at their data in confusion, and proved Enrico Fermi wrong in the process. Enrico and Otto both got Nobel prizes. Lise got a National Women's Press Club award. They finally named an element after her, but not until 60 years later. Emmy Noether fought past her victorian-era finishing-school upbringing, pursued mathematics by auditing classes, and, after finally getting a PhD, was permitted to teach only as an unpaid lecturer (often under male colleagues' names).' P: 'Was she as good as them?' MC: 'She revolutionized abstract algebra, filled gaps in relativity, and found what some call the most beautiful, deepest result in theoretical physics.' P: 'Oh.' MC: 'But you don't become great by trying to be great. You become great by wanting to do something, and then doing it so hard that you become great in the process. So don't try to be the next me, Noether, or Meitner. Just remember that if you want to do this stuff, you're not alone.' P: 'Thanks.' MC: 'Also, avoid Radium. Turns out it kills you.' P: 'I'll try.'
https://xkcd.com/

7. November 1867: Marie Curie
Mit Sicherheit eine der meist genannten und verlinkten Wissenschaftlerinnen auf diesem Blog und, wie es ein Freund vor kurzem nannte, mein ‚white whale‘ (quasi mein Moby Dick). Ich werde auf diesem Blog wohl niemals einen Beitrag nur über sie verfassen, aus zweierlei Gründen: Zum einen ist ihre Biografie und Material zu ihr massiv, also viel zu lesen und unmöglich für sinnvoll zusammenzufassen. Und zum zweiten: Ihr kennt sie alle schon. Wozu sollte ich auf sie aufmerksam machen?
In einem meiner Lieblingscomics mit ihr von xkcd tritt sie als Zombie auf und lässt Wahrheitsbomben fallen, an die auch ich mich mit diesem Blog halte.

7. November 1878: Lise Meitner
48 Mal wurde sie von männlichen Kollegen für den Nobelpreis vorgeschlagen, 29 Mal davon für Physik, 19 Mal für Chemie; sechsmal allein von Max Planck, mehrfach von James Franck, Max Born und Niels Bohr, auch ihr geschätzter Kollege Otto Hahn schlug sie einmal vor. Dass sie diese Auszeichnung trotz ihrer oftmals gar nicht oder schlecht bezahlten, bahnbrechenden Arbeit auf dem Gebiet der Kernphysik niemals erhielt, macht sie zu einem prominenten, mustergültigen Opfer des Matilda-Effekts.

7. November 1939: Barbara Liskov
Über diese Mathematikerin und Programmiererin schrieb ich 2019 zu ihrem runden Geburtstag.

12/2017: Matilda Joslyn Gage, 24.3.1826

Matilda Joslyn Gage

English below
Wiki deutsch
Matilda Joslyn Gage war eine amerikanische Frauenrechtlerin, die mehrere Bücher zu den umgebenden Themen der Frauenbewegung veröffentlichte, etwa zur Trennung von Staat und Kirche und zu den Rechten der amerikanischen Ureinwohner. Ihre liberalen und inklusiven Ansichten verbreitete sie unter anderem auch in ihrer Zeitschrift The National Citizen and Ballot Box.

Als sich 1890 die zwei größten, konservativ-christlich motivierten Frauenrechtsorganisationen NWSA und AWSA zu NAWSA zusammenschlossen, waren sie geeint in dem Bestreben, das Frauenwahlrecht zu erlangen, weil die weibliche Mäßigung die Politik beeinflussen und christliche Werte einbringen sollte. Gage war weder mit der einseitigen Priorität des Frauenwahlrechts noch mit dem Wunsch nach christlicher Einflussnahme einverstanden und gründete die Woman’s National Liberal Union.

Matilda Joslyn Gage hatte stets mehr als Frauenwahlrecht im Blick, ihre Ziele waren grundsätzlicherer und umfassender Natur. Für ihren Einsatz für die Rechte der Haudenosaunee, bei denen sie gelebt hatte und deren Gesellschaftsform sie als Beispiel für ein Matriachat studiert hatte, wurde sie in deren Rat der Mütter aufgenommen.

In ihrem Essay Die Frau als Erfinderin (1870) beschrieb sie einen Effekt, der 1993 von der Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter nach ihr benannt wurde: dass die Erkenntnisse und Errungenschaften von Frauen in Wissenschaft und Forschung entweder an den Rand gedrängt, heruntergespielt und/oder im Laufe der Zeit männlichen Kollegen zugeschrieben werden. Bekannteste Beispiele hierfür sind Marie Curie, Lise Meitner und Rosalind Franklin.

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Wiki englisch
Matilda Joslyn Gage was an American suffragette who published several books on the surrounding topics of the women’s movement, e.g. on the separation of church and state and on the rights of Native Americans. She spread her liberal and inclusive opinion in her paper The National Citizen and Ballot Box, among other publications.

When in 1890 two of the largest women’s rights organisations with conservative Christian motivations, the NWSA and the AWSA, merged to form the NAWSA, they were united in their effort for women’s right to vote because the feminine temperance was supposed to influence politics and install Christian values. Gage did not agree with the singular priority of voting rights nor with the desire for Christian influence, and founded the Woman’s National Liberal Union.

Matilda Joslyn Gage always had her sights on more than voting rights, her goals were of a more fundamental and global nature. For her support of the Haudenosaunee’s struggle, with whom she had lived to study their society as an example of the matriarchy, she was admitted to their Council of Matrons.

In her essay Woman as Inventor (1870) she described an effect that in 1993 was named after her by science historian Margaret W. Rossiter: how discoveries and achievements of women in science and research are either marginalised, downplayed and/or attributed to their male colleagues over time. Wellknown examples for this are Marie Curie, Lise Meitner and Rosalind Franklin.

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The Gage Home – The Matilda Joslyn Gage Foundation

Bild: Von 19th century photograph, Gemeinfrei

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