Schlagwort: matilda-effekt

18/2020: Marietta Blau, 29. April 1894

Die in Wien geborene Marietta Blau machte 1914 ihre Matura und studierte anschließend Physik und Mathematik an der Universität Wien. 1919 promovierte sie mit einer Dissertation „Über die Absorption divergenter γ-Strahlung“. Da sie in Wien keine Beschäftigung fand, ging sie zunächst nach Deutschland. Sie arbeitete bis 1921 in einer Röntgenröhren-Fabrik in Berlin, anschließend unterrichtete sie angehende Ärzte in Röntgenphysik am Institut für physikalische Grundlagen der Medizin an der Universität Frankfurt. Als 1923 ihre Mutter in Wien erkrankte, kehrte Blau nach Wien zurück. Bei ihrer Familie versorgt, forschte sie unbezahlt als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Radiumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In den Jahren 1932 und 1933 konnte sie dank eines Stipendiums des Verbandes der Akademikerinnen Österreichs Forschungsaufenthalte in Göttingen und Paris absolvieren.

In ihrer Zeit in Wien arbeitete Marietta Blau mit Hertha Wambacher an einer Methode, atomare Teilchen photographisch sichtbar zu machen. Für Photographien wurden zu dieser Zeit Platten aus Glas oder Metall mit einer Emulsion aus Gelatine und lichtempfindlichen Silberverbindungen bestrichen, Blau und Wambacher entwickelten für ihre Forschungen eine spezielle Kernemulsion, mit der insbesondere Alphateilchen und Protonen durch Bestrahlung der Platten nachgewiesen werden konnten sowie anhand der Bahnspuren in der Emulsion erkennbar wurde, wohin ihre Energie gerichtet war. Für diese Arbeit erhielten die beiden Physikerinnen 1936 den Haitinger-Preis und 1937 den Lieben-Preis der Akademie.

Die Aufsehen erregendste Entdeckung der beiden waren die sternförmig verlaufenden Teilchenbahnspuren auf Photoplatten, die sie auf 2.300 Meter über Normalnull installiert hatten. Diese so genannten Zerstrümmerungssterne wiesen auf Kernreaktionen in der Photoemulsion hin, die mit Teilen der kosmischen Strahlung stattgefunden haben mussten.

Während ihre Kollegin Wambacher bereits seit 1934 Mitglied der NSDAP war, bedeutete der Anschluss Österreichs 1939 für die Jüdin Blau ein Ende ihrer Karriere im Land. Sie sah sich gezwungen, das Land zu verlassen, zunächst in Richtung Schweden, wo sie in Oslo mit Ellen Gleditsch am Chemischen Institut arbeitete. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 verhalf ihr jedoch die Vermittlung Albert Einsteins zu einer Anstellung an der Technischen Hochschule in Mexiko-Stadt. Da die Bedingungen dort jedoch auch nicht optimal waren, wechselte sie schließlich 1944 in die USA, wo sie zunächst vier Jahre lang in der Industrie tätig war, anschließend in diversen wissenschaftlichen Einrichtungen. Währenddessen setzten andere, die nicht politisch verfolgt wurden, ihre Forschungen in Wien fort und veröffentlichten darauf aufbauende Publikationen, in denen Marietta Blau mit keinem Wort erwähnt wurde. Ebensowenig wies Cecil Powell auf Wambacher und Blau hin, als er 1950 den Nobelpreis für Physik erhielt, obwohl seine Forschungen von den Entdeckungen der beiden Physikerinnen angestoßen worden waren – ein weiteres Beispiel für den Matilda-Effekt. Tatsächlich hatte Erwin Schrödinger eigentlich die beiden Frauen für den Preis vorgeschlagen.

1960 kehrte Marietta Blau nach Österreich zurück und arbeitete bis 1964 am Institut für Radiumforschung, sie leitete hier – wiederum unbezahlt – Arbeitsgruppe zur Analyse von photographischen Aufnahmen von Teilchenbahnspuren des CERN und betreute auch eine Dissertation dazu. Zwei Jahre vor ihrer Pesnionierung erhielt sie noch den Erwin-Schrödinger-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, doch für eine Aufnahme in die Akademie reichte es nicht.

1970 trug die jahrelange ungeschützte Arbeit mit radioaktivem Material sowie ihr Zigarettenkonsum Rechnung, sie starb völlig verarmt und so gut wie unbemerkt in ihrer Geburtsstadt an Krebs. Erst 2004 widmete ihre ehemalige Schule ihr eine Gedenktafel, im Folgejahr wurde ein Saal im Hauptgebäude der Universität Wien nach ihr benannt.

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Ebenfalls diese Woche

28. April 1854: Hertha Ayrton
Über diese Mathematikerin und Elektroingenieurin schrieb ich 2017, als ich mich mit Frauen im 19. Jahrhundert befasste.

Trota von Salerno

12. Jhdt.

frauenfiguren zeitstrahl der frauen in der wissenschaft trota von salerno
„Pen and wash drawing showing a standing female healer, perhaps of Trotula, clothed in red and green with a white headdress, holding up a urine flask to which she points with her right hand.“ From: Miscellanea medica XVIII, Published: Early 14th century, Folio 65 recto (=33 recto), Collection: Archives & Manuscripts, Library reference no.: and Archives and Manuscripts MS.544

Trota von Salerno (Link Englisch) war eine der „Frauen von Salerno“; medizinische Heilkundige, die an der Medizinschule von Salerno studierten. Trota war nach heutigem Kenntnisstand Mitglied der Fakultät, also Lehrende, doch mehr ist über sie nicht bekannt.

Sie schrieb jedoch mehrere medizinische Abhandlungen und Traktate, deren Rezeptionsgeschichte, Zuordnung und Neu-Zuordnung ich versuchen will, hier übersichtlich wiederzugeben.

Das am längsten mit ihrem Namen in Verbindung stehende Werk ist ein Ensemble medizinischer Texte über Frauenheilkunde, das unter dem Namen Trotula veröffentlicht und weitergegeben wurde. Obwohl der Name des Werkes übersetzt „kleines Buch der Trota“ heißt, ist sie wohl nicht Autorin eines der drei Texte. Sie wird jedoch im mittleren Teil namens De curis mulierum (Über die Versorgung der Frauen) namentlich genannt als magistra operis, also als Meisterin, von gleichem Ansehen wie ein männlicher Mediziner. Sie wird hinzugerufen in einem Fall, in dem eine Frau „Wind im Uterus“ hat, was für Außenstehende wie eine Ruptur oder wie Darmbeschwerden aussehen könne. Dieser Teil der Trotula befasst sich außerdem mit den Hemmungen, die Frauen haben, sich über ihre weiblichen Beschwerden und intime Körperteile mit männlichen Ärzten zu unterhalten, mit verschiedenen Heilmethoden für Menstruationsbeschwerden und Unfruchtbarkeit (die sie nicht allein den Frauen zuschreibt), mit der Verhütung, der Geburtshilfe und der Säuglingsversorgung. Ein Absatz befasst sich wohl auch mit der Möglichkeit, die Vulva zu verengen, um wieder „für eine Jungfrau gehalten“ werden zu können. Nunja.

frauenfiguren zeitstrahl der frauen in der wissenschaft trota von salerno normannen
Karte des normannischen Herrschaftsgebietes im 12. Jahrhundert
Von Captain Blood – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Über die Motivation für die Entstehung der Trotula sowie die Gründe, warum darin von Trota in der dritten Person und mehrfach von einem unkonkreten „Wir“ die Rede ist, hat die Trota-Forscherin Monica Green (Link Englisch) eine schlüssige Theorie formuliert. Denn tatsächlich konnten die meisten Frauen, an die sich das Werk in Trotas Umkreis hätte richten können, nicht lesen. Stattdessen machte eine solche Niederschrift der medizinischen Kenntnisse nur Sinn zur Weitergabe an Fachpersonal, das sich nicht im Umkreis befand. Im Text finden sich jedoch einige Worte englischer Herkunft, und zu Lebzeiten Trotas waren sowohl Teile Englands wie auch Süditalien unter normannischer Herrschaft, was einen regen kulturellen Austausch zur Folge hatte. Es kursierte im 13. Jahrhundert auch bereits ein anglonormannischer Kosmetikratgeber namens Ornatus mulierum (Über die Ausstattung der Frau), der „Dame Trota“ als Quelle für seinen Wissensfundus angibt. Green vermutet daher, dass Trota bereits einen Ruf als Fachfrau für weibliche Gesundheitsthemen über die Grenzen Salernos hinaus hatte und eine englischsprachige Person aufgrund ihres Ruhmes einen Besuch in Salerno zum Anlass nahm, die Erkenntnisse der Medizinerin niederzuschreiben.

Bereits kurz nach seiner Erstellung gab es Kopien der Trotula, die unter dem Namen eines Johannes Platearius veröffentlicht wurden; ein Jahrhundert später nahm eine andere salernische Medizinierin Kürzungen und Änderungen am Text vor. Trotz seiner vielseitigen Erscheinungsformen galt das Ensemble bis ins 16. Jahrhundert hinein als medizinisches Standardwerk.

1544 bearbeitete der Verleger Georg Kraut die Trotula derartig, dass es erschien, als seien alle drei Texte von einer einzelnen Person, dabei entfernte er auch alle Namensnennungen von Personen vor dem 3. Jahrhundert, sodass der Text wesentliche älter erschien. Diese Fassung wurde später von einem Casper Wolf noch dazu unter dem Autorennamen Eros Julia verlegt – dem Hausarzt der Tochter Kaiser Augustus‘ aus der Zeit um Christi Geburt. Andere Verleger veränderten den Namen noch weiter zu Erotian.

Es bestand zwar stets die Theorie, dass der Text von einer Frau geschrieben sein könnte, doch genauso hartnäckig hielten sich die diversen Theorien, warum das auf keinen Fall so sein könnte. Zum Beispiel erklärte der Medizinhistoriker Karl Sudhoff 1921, dass die lehrenden Frauen von Salerno keine Ärztinnen, sondern („nur“) Hebammen und Krankenschwestern gewesen sein konnten und – logischerweise – deshalb auch keine medizinischen Abhandlung hätten schreiben können. Sein Kollege Charles Singer ging 1928 gar so weit, den Text weniger für ein wissenschaftliches Traktat als vielmehr für Pornografie zu halten – der erotische Reiz sei durch den Autor, einen Arzt namens Trottus, mit der behaupteten weiblichen Quelle gesteigert worden. Ein entscheidender Aspekt, der von Gegnern der Autorin-Theorie hervorgebracht wurde, war die direkte und klare Sprache in Bezug auf weibliche Anatomie, wie etwa der oben genannte Ratschlag zur Verengung der Vulva. Die Herren der Wissenschaft kannten das weibliche Sprechen über den weiblichen Körper vermutlich nur verschämt und verklausuliert; dass Frauen untereinander wesentlich deutlicher und weniger schamhaft sein könnten, ging über ihre Vorstellungskraft hinaus. Wie so oft machten die beschränkte Sichtweise, moralische Empörung und systematische Misogynie männlicher Wissenschaftler eine Wissenschaftlerin zum Opfer des Matilda-Effektes (dessen frühestes Opfer Pandrosion habe ich vor fast genau vier Wochen hier vorgestellt).

Die beiden genannten Medizinhistoriker bezogen sich inzwischen allerdings auch nicht mehr nur auf den mitteleren Text der Trotula. 1837 wurde die Existenz einer Sammlung medizinischer Abhandlung bekannt, des Codex Salernitanus (der Salernische Kodex). Einer der sieben darin enthaltenen Texte, De egritudinum curatione (Zur Behandung von Krankheiten), sowie mehrere Anmerkungen in anderen stammten von einer mit ‚Trot.‘ verkürzt benannten Person. Die Beschreibung praktischer Eingriffe im Codex sowie die Tatsache, dass Geburtsthilfe nur am Rande vorkam, belegten nach Karl Sudhoff, dass keine Frau als Autorin in Frage kam. Er ließ einige der Texte von Studenten überarbeiten, einer davon, Conrad Hiersemann, überarbeitete den Text 1921 erneut und setzte für ‚Trot.‘ den männlichen Namen Trottus ein. Er nahm – nach heutigem Kenntnisstand – richtig an, dass ‚Trot.‘ ein Werk über Medizin und Pathologie geschrieben hat und der Text im Codex eine verkürzte Fassung der wichtigsten Abschnitte darstellte. Auch er schloss aus der Tatsache, dass die Geburtshilfe nicht das vorwiegende Thema war, eine weibliche Autorin aus. (Quelle: Virus – Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin 4)

Diese falsche Annahme von einem männlichen Arzt als Autor dieser beiden Texte hielt sich bis 1985. In diesem Jahr entdeckte der Historiker John F. Benton einen Text namens Practicam secundum Trotam (Medizinische Praxis nach Trota) in einem Manuskript in Madrid, das mit mit großer Wahrscheinlichkeit zu Beginn des 13. Jahrhunderts geschrieben wurde. Ein zweite Teilkopie dieser Abhandlung fand seine Kollegin Monica Green (s.o.) später in einem Manuskript in Oxford. Anhand der Überschneidungen dieses Textes mit De egritudinum curatione konnte Benton die Existenz der weiblichen Medizinerin Trota als Autorin beider Texte eindeutig belegen; er war dennoch weiterhin der Meinung, dass die drei Texte der Trotula alle nicht von ihr, sondern, wie er nachwies, von drei unterschiedlichen männlichen Autoren stammten. Green, die nach Bentons Tod 1988 seine Forschungen fortsetzte, stellte jedoch neben der großen Übereinstimmung des Practicam secundum Trotam mit De curis mulierum in der Trotula auch Deckungsgleichheit fest mit De egritudinum curatione und den Kosmetikratgebern, in denen die ‚Dame Trota‘ erwähnt wird. Sie konnte damit beweisen, dass sich die medizinische Kenntnis der Trota von Salerno über fast alle medizinischen Gebiete erstreckte, von der praktischen Chirurgie abgesehen. Practicam secundum Trotam befasst sich zu drei Viertel seines Inhaltes mit allen möglichen anderen medizinischen Themen als der Frauenheilkunde.

Monika Green glaubt jedoch nicht, dass damit auch bewiesen ist, dass Trota von Salerno und ihre Kolleginnen wenigstens zu ihrer Zeit ein entsprechendes Ansehen an der Fakultät und in der Wissenschaft hatten. So erwähnt Trota in ihren Texten mehrfach männliche Kollegen und Referenzen, in deren Texten ist jedoch durchgängig verallgemeinernd von den „Frauen von Salerno“ die Rede. Sie mag als praktische Medizinerin einen hohen Status gehabt haben, als Fachfrau, Lehrende und Wissenschaftlerin war und wurde sie jedoch kaum anerkannt. Green führt das darauf zurück, dass sich Trota an der Schwelle zur Ausbildung der akademischen Medizin befand – und die akademische Arbeit wurde bereits damals von Männern dominiert, die die praktische Erfahrung der Frauen im theoretischen und lehrenden Kontext nicht wertschätzten.

Trota von Salerno reiht sich somit ein in die Mulieres Salernitanae (Link Englisch), die es nachweislich gab, die jedoch kaum Texte schrieben oder, wie im Fall von Abella (die eigentlich auch auf den Zeitstrahl der Frauen in der Wissenschaft gehören würde), deren Texte einfach verloren gingen. Abella schrieb mindestens zwei Texte in Versform, einen über die Schwarze Galle und einen über den menschlichen Samen. Salvatore de Renzi (Link Englisch), ein italienischer Arzt, nannte in einer Arbeit über die Medizinschule von Salerno neben Abella noch Rebecca de Guarna (Link Englisch), Mercuriade (Link Englisch) und Constance Calenda (Link Englisch).

Judy Chicago widmete Abella als Repräsentantin der Salernischen Frauen eine Bodenfliese im Heritage Floor ihrer Installation The Dinner Party, wo auch Aglaonike einen Platz hat.

Pandrosion

ca. 300 n. Chr.

An der tatsächlichen Existenz von Pandrosion (Link Englisch) besteht keinerlei Zweifel, dennoch ist oder war sie lange Zeit obskur, denn im 19. Jahrhundert wurde sie von einem Übersetzer kurzerhand zum Mann gemacht.

Der griechische Mathematiker Pappos von Alexandria spricht in seiner Mathematischen Sammlung von Pandrosion, insbesondere ihre Lösung für die Würfelverdopplung. Dies ist eines der klassischen Probleme der antiken Mathematik, neben der berühmten Quadratur des Kreises und der Dreiteilung des Winkels. Das eigentliche Problem dieser drei geometrischen Aufgaben im klassischen Griechenland lag an den eingeschränkten Mitteln: In nur einer begrenzten Anzahl von Schritten sollten diese Probleme mit den Euklidischen Werkzeugen Lineal und Zirkel gelöst werden. Bei allen dreien wurde erst im 19. Jahrhundert bewiesen, dass dies im Grunde gar nicht möglich ist.

Für die Würfelverdopplung hatte Archytas von Tarent 800 Jahre vor Pandrosion bereits eine rechnerische Lösung gefunden, an deren Visualisierung sich auch mathematisch unbewanderte Menschen (wie ich) ästhetisch erfreuen können: Mithilfe der Oberflächen eines Torus, eines Zylinders und eines Konus – die Beschränkung der Hilfsmittel auf Lineal und Zirkel galten zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Doch zurück aus der Abschweifung zu Pandrosion. Laut Pappos sei sie einer Lösung dieses Problems unter den inzwischen strengeren Regeln nahe gekommen, habe dafür aber nicht ausreichend mathematische Beweise erbracht. In seiner Sammlung widmet er eine Sektion der Korrektur von Pandrosions Fehlern; an anderer Stelle schließt er eine Methode ein, das geometrische Mittel zu exakt errechnen, die indirekt ebenfalls auf Pandrosion zurückging.

Bei seiner Übersetzung der Sammlung vom Griechischen ins Lateinische konnte sich Friedrich Hultsch 1878 schlicht nicht vorstellen, dass Pandrosion eine Frau gewesen sein könnte, und unterstellte Pappos, sich bei der weiblichen Anrede an sie geirrt zu haben. Kurzerhand „korrigierte“ er in einem Akt, der dem Matilda-Effekt ähnelt, die Anrede und so wurde Pandrosion lange Zeit männlich gelesen. Es sollte 110 Jahre dauern, bis sich ein englischer Übersetzer namens Alexander Raymond Jones 1988 für eine direkte Übersetzung ins Englische mit den griechischen Originalen befasste, und überzeugend darlegte, dass Pappos durchaus keinen Fehler gemacht hatte.

Aufgrund dieser Tatsache wissen wir heute, dass Pandrosion eine noch ältere Mathematikerin als Hypatia – möglicherweise sogar deren Lehrerin – gewesen ist. Über diese folgt der nächste Beitrag auf dem Zeitstrahl.

19/2019: Hilde Levi, 9. Mai 1909

Religion spielte in ihrem Leben nur als Hindernis zum Glück eine Rolle: Schon Hilde Levis Eltern lebten als assimilierte Juden in Frankfurt am Main, sie selbst lehnte nach erzwungenem Religionsunterricht in der weiterführenden Schule früh die Religion für sich ab. Zu dieser Haltung trug sicherlich auch ihre wissenschaftliche Weltansschauung bei; ihr Abitur machte sie 1928 als einziges Mädchen ihres Jahrgangs in Physik. Nach ihrem Abschluss verbrachte sie zunächst ein halbes Jahr in England und begann dann an der Münchener Universität Physik und Chemie zu studieren. Bereits zwei Jahre später wechselte sie für ihre Promotionsarbeit an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem. Dort bestand sie 1934 noch ihre Doktorprüfung, doch da die Nationalsozialisten im Jahr zuvor an die Macht gewählt worden waren, überschattete ihre jüdische Familiengeschichte ihr ganzes Leben. Aufgrund des Arierparagraphen hatte sie keinerlei berufliche Aussichten, sämtliche ihrer Lehrer und Mentoren waren bereits emigriert. Schließlich löste ihr Verlobter, der Physiker Hans Bethe, zwei Tage vor der Hochzeit die Verbindung, auf Anraten seiner Mutter, die selbst jüdischer Abstammung war. Diese Entscheidung schockierte die Kollegen des Paares, insbesondere die ebenfalls jüdischen Niels Bohr und James Franck, die lebenslang persönliche Vorbehalte gegen den späteren Nobelpreisträger hegten. (In Bethes Wikipedia-Eintrag ist im übrigen weder von seiner privaten Verbindung zu Hilde Levi noch von dieser Entscheidung gegen ihre Ehe die Rede, die immerhin dazu führte, dass Bethe bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nie an das Niels-Bohr-Institut eingeladen wurde, obwohl er ein führender Physiker der Zeit war.)

Die International Federation of University Women und Niels Bohr selbst vermittelten Levi eine Assistenzstelle bei James Franck, der selbst erst vor kurzem nach Kopenhagen emigriert war; er kannte zwar Levi bis dahin nicht persönlich, aber ihre Doktorarbeit über Spektren der Alkalihalogen-Dämpfe, deren wissenschaftlichen Wert er hoch einschätzt. Ihre Promotionsurkunde musste ihr Bruder ihr Monate nach ihrer Ausreise für sie in Empfang nehmen. Levi arbeitete für Franck, bis dieser 1935 Kopenhagen verließ, danach arbeitete sie als Assistentin des ebenfalls aus Deutschland emigrierten ungarischen Chemikers George de Hevesy. Die Entdeckung der Aktivierung, also induzierter Radioaktivität, durch das Ehepaar Joliot-Curie 1935 inspirierte de Hevesy und Levi zur Bestrahlung seltener Erden. Ihre Entdeckungen bei dieser Arbeit führten zur Entwicklung der Neutronenaktivierungsanalyse, mit der zum Beispiel 1961 ermittlet wurde, dass Napoléon zumindest an Arsenvergiftung litt, wenn nicht sogar daran starb.

1938 wurde Levi in Deutschland der Doktortitel aberkannt, ohne Angabe von Gründen, im gleichen Jahr musste sie ihren deutschen Pass in der Botschaft in Kopenhagen abgeben. Sie konnte mit de Hevesy bis 1940 weiter am Niels-Bohr-Institut arbeiten; nach der Besetzung Dänemarks durch die deutsche Wehrmacht wechselte sie zunächst innerhalb Kopenhagens an das Carlsberg-Institut. 1943 begannen die deutschen Besatzer jedoch auch in Dänemark, Juden zu deportieren, und Levi floh mit vielen anderen nach Schweden. Dort konnte sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an einem Institut für experimentelle Biologie arbeiten.

Nach Kriegsende kehrte Levi nach Kopenhagen zurück und begann, unter August Krogh am Zoophysiologischen Institut der Universität Kopenhagen an radiobiochemischen Forschungen zu arbeiten. Bei einem Aufenthalt in den USA lernte sie die Radiokarbonmethode zur Altersbestimmung von Stoffen kennen, die Willard Libby 1946 entwickelt hatte. Sie entwickelte darauf aufbauend am Dänischen Nationalmuseum die erste Messeinrichtung für C14-Datierung, mit der kurz darauf das Alter des Grauballe-Mann ermittelt werden konnte. (Auch in diesem Wikipedia-Beitrag ist nicht die Rede von Levi, sondern Libby selbst wird als derjenige genannt, der die Untersuchung durchgeführt habe. Siehe Matilda-Effekt.)

Levi beriet die dänische Gesundheitbehörde zum Thema Strahlenschutz und lehrte 19 Jahre lang an der Universität Kopenhagen. Nach ihrer Pensionierung 1979 war sie am Aufbau des Niels-Bohr-Archivs beteiligt und arbeitete den wissenschaftlichen und persönlichen Nachlass de Hevesys auf. 2001 nahm sie an einem Treffen an der Humboldt-Universität teil, zu dem die Wissenschaftler geladen worden waren, die nach 1933 entlassen worden waren und Deutschland nachfolgend verlassen mussten. Sie starb 2003 im Alter von 94 Jahren in Kopenhagen.

Das Jewish Women’s Archive führt eine Biografie von ihr, das Niels-Bohr-Archiv ebenfalls. Auf der Seite des American Institute of Physics findet sich das Transkript eines Interviews mit ihr von 1971.

5/2019: Edith M. Flanigen, 28. Januar 1929

Edith M. Flanigen entdeckte ihre Begeisterung für die Chemie – gemeinsam mit ihren beiden Schwestern – durch eine Lehrerin in der High School. Alle drei studierten Chemie an der Syracuse University; Edith schloss ihr Studium schließlich mit 23 Jahren als Master of Science ab. Sie begann bei Union Carbide, einem Unternehmen der Chemie-Industrie, zu arbeiten, zunächst mit der Aufgabe, Silikonpolymere (Molekülketten aus Siliziumverbindungen) zu identifizieren, zu reinigen und zu gewinnen, vier Jahre später wurden Molekularsiebe ihr Themenschwerpunkt: Chemische Stoffe, in denen die Moleküle derart in einer Gitterform angeordnet sind, dass die Atome anderer Elemente darin hängenbleiben und somit aus einer Verbindung herausgesiebt werden.

Nach 17 Jahren Arbeit in diesem Bereich wurde sie 1973 die erste weibliche wissenschaftliche Mitarbeiterin, zehn Jahre später die erste weibliche Leitung einer Arbeitsgruppe bei Union Carbide. In den insgesamt 42 Jahren, die sie bei Union Carbide tätig war, entwickelte sie über 200 synthetische Stoffe, darunter Zeolith Y, der synthetischen Form des Faujasit, und einen synthetischen Smaragd, der als Schmuckstein und bei Lasern im Mikrowellenbereich zum Einsatz kommt. Sie ist Inhaberin von über 100 Patenten (USA), war die erste Frau, die die Perkin Medal erhielt, und bekam 2012 die National Medal of Technology and Innovation von Barack Obama verliehen.

Trotz dieser anerkannten Leistungen: Wer ihren Namen nicht kennt, wird auch über das von ihr entwickelte Zeolith Y nicht auf sie stoßen. Laut des englischen Wikipedia-Eintrages ist sie „best known as the inventor of Zeolith Y„, doch der Link zu Zeolith Y wird weitergeleitet zu seiner in der Natur auftretenden Form Faujasit; laut des deutschen Wikipedia-Eintrages war sie „maßgeblich beteiligt an der Entwicklung“ von Zeolith Y, zu dem es auch tatsächlich einen Eintrag gibt – in dem sie namentlich überhaupt nicht vorkommt, sondern stattdessen ein Donald Breck als derjenige genannt wird, dem es gelang, den Stoff zu synthetisieren. Zu Donald Breck gibt es jedoch weder einen englischen noch einen deutschen Wikipedia-Eintrag. Auch wenn man das von ihr erfundene Molekularsieb googelt, stößt man so gut wie nie auf ihren Namen (unter dem Link: die eine englischsprachige Seite, auf der „EM Flanigen“ in den references genannt wird; unter anderen).

Ich weiß, dass Wikipedia nicht den Wissenskanon ganzer wissenschaftlicher Forschungs- und Fachbereiche abdecken kann. Dennoch vermute ich hier den Matilda-Effekt, der dafür sorgt, dass die Beteiligung oder Errungschaften weiblicher Wissenschaftlerinnen zugunsten ihrer männlichen Kollegen, Vorgesetzten und/oder Arbeitgeber verschwiegen oder verleugnet wird. Ich bin selbst keine geübte und schon gar nicht registrierte Wikipedia-Lektorin, aber das wäre mal eine kleine, aber sinnvolle Aufgabe, Edith M. Flanigen in den entsprechenden Artikeln zu ihrer Erfindung zu verlinken.

17/2017: Hertha Ayrton, 28.4.1854

Hertha Ayrton

English below
Wiki deutsch
Die Tochter einfacher polnisch-jüdischer Immigranten wurde nach dem Tod ihres Vaters zu ihrer Tante in Obhut gegeben, die eine Schule in London betrieb. Dort erhielt sie ihre frühe schulische Ausbildung. Mit 16 Jahren arbeitete sie zunächst als Gouvernante, mit 20 begann sie ihr Studium der Mathematik am Girton College, nach ihrem Abschluss sechs Jahre später arbeitete sie dort auch als Lehrerin. Sie entwickelte in dieser Zeit ein Sphygmomanometer (oder auch Blutdruckgerät). Neben vielerlei sozialem Engagement bestand sie auch mit 26 Jahren eine mathematische Prüfung für Studenten der University of Cambridge, aber die vergab zu dieser Zeit keinen akademischen Grad an Frauen, nur Zertifikate. Ein Jahr später erhielt sie jedoch von der Universität London einen Bachelor of Science für eine ähnliche Prüfung.

In London entwickelte sie auch ein Instrument, mit dem man Linien in gleichlange Teile zerlegen kann, das Künstler, Architekten und Ingenieure verwenden können. Die Eintragung des Patentes wurde von den Feministinnen Louise Goldsmid und Barbara Bodichon finanziell unterstützt. Es war das erste von 26 Patenten, die Ayrton im Lauf ihres Lebens eintragen ließ.

Mit ihrem Ehemann, der zuvor ihr Lehrer gewesen war, betrieb sie Studien in der Elektrotechnik, Mathematik und Physik. Sie schrieb mehrere Publikationen unter anderem über die Bogenlampen-Technik und deren Verbesserung. 1899 wurde sie schließlich als erste Frau Mitglied der Institution of Electrical Engineers (IEE), durfte aber dennoch – aufgrund ihres Geschlechts – ihre Schrift nicht selbst bei der Royal Society vortragen, ein männlicher Kollege musste dies für sie tun.

Nach ihrem Vortrag beim International Electrical Congress in Paris 1900 festigte sich ihr Ruf als Kompetenz in der Elektrotechnik. Ihr Beispiel veranlasste die British Science Association dazu, Frauen in Kommittees unterschiedlicher Fachbereiche zuzulassen. Erst 1905 durfte sie als Frau bei der Royal Society vortragen, Mitglied in dieser Vereinigung wurde sie jedoch nie. 1906 erhielt sie die Hughes-Medaille für ihre Arbeit zu Bogenlampen, damit war sie die fünfte Person, die diese Ehrung erhielt; erst 2008 erhielt wieder eine Frau, Michele Dougherty, diesen Preis.
Während des Ersten Weltkrieges entwickete Ayrton ein lebensrettendes Instrument zur Giftgasbeseitigung, den Ayrton Fan.

Die Agnostikerin setzte sich auch für die Frauenrechte ein und benannte ihr erstes Kind nach der Feministin Barbara Bodichon – diese wurde Member of Parliament für die Labour Party und Mutter des Künstlers Michael Ayrton, der den Namen der mütterlichen Linie für seine professionelle Identität wählte. Hertha Ayrton starb mit 69 Jahren an einer Blutvergiftung.

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Wiki english
The daughter of plain Polish and Jewish immigrants, after her father’s death, was committed into the care of her aunt who ran a school in London. She received her early education there. At the age of 16 she worked as a governess, at 20 she began her studies of mathematics at Girton College, after finishing her studies she also worked as a teacher there. During that time she developed a sphygmomanometer. Besides a lot of social engagement she also passed the Mathematical Tripos at the University of Cambridge at 26 years old, but they did not hand certificates only to women, not degrees. She did receive a Bachelor’s degree from the University of London for passing a similar exam.

In London she also invented an instrument to divide lines in equally long parts, which can be used by artists, architects and engineers. The patenting of this invention was supported financially by the feminists Louise Goldsmid and Barbara Bodichon.  It was the first of 26 patents Ayrton would register in her lifetime.

With her husband, who had been her teacher before, she worked on studies in electrical engineering, mathematics and physics. She penned several publications, among others about arc lighting and its improvement. In 1899 she became the first female member of the Institution of Electrical Engineers (IEE), but – because of her gender – was not allowed to read her work at the Royal Society, a male colleague had to read it for her.
After her lecture at the International Electrical Congress in Paris 1900 her reputation as a competence in electrical enginieering was consolidated. Her example prompted the British Science Association to allow women on committees of various topics. It was in 1905 only that she could speak before the Royal Society, but she was never registered as a member. In 1906 she received the Hughes Medal for her work on arc lighting, as the fifth person awarded this honour; only in 2008 this prize was won by a woman, Michele Dougherty, again.

During World War I Ayrton developed an life-saving instrument for the dispelling of poisoned gas, the Ayrton fan.
The agnostic also advocated for women’s rights and named her first child after Barbara Bodichon – she became a Member of Parliament for the Labour Party and mother to artist Michael Ayrton, who took the name of his mother’s family for his professional identity. Hertha Ayrton died of blood poisoning at 69 years of age.

Bild: Von Helena Darmesteter – BBC Your Paintings (now available by Art UK), Gemeinfrei

12/2017: Matilda Joslyn Gage, 24.3.1826

Matilda Joslyn Gage

English below
Wiki deutsch
Matilda Joslyn Gage war eine amerikanische Frauenrechtlerin, die mehrere Bücher zu den umgebenden Themen der Frauenbewegung veröffentlichte, etwa zur Trennung von Staat und Kirche und zu den Rechten der amerikanischen Ureinwohner. Ihre liberalen und inklusiven Ansichten verbreitete sie unter anderem auch in ihrer Zeitschrift The National Citizen and Ballot Box.

Als sich 1890 die zwei größten, konservativ-christlich motivierten Frauenrechtsorganisationen NWSA und AWSA zu NAWSA zusammenschlossen, waren sie geeint in dem Bestreben, das Frauenwahlrecht zu erlangen, weil die weibliche Mäßigung die Politik beeinflussen und christliche Werte einbringen sollte. Gage war weder mit der einseitigen Priorität des Frauenwahlrechts noch mit dem Wunsch nach christlicher Einflussnahme einverstanden und gründete die Woman’s National Liberal Union.

Matilda Joslyn Gage hatte stets mehr als Frauenwahlrecht im Blick, ihre Ziele waren grundsätzlicherer und umfassender Natur. Für ihren Einsatz für die Rechte der Haudenosaunee, bei denen sie gelebt hatte und deren Gesellschaftsform sie als Beispiel für ein Matriachat studiert hatte, wurde sie in deren Rat der Mütter aufgenommen.

In ihrem Essay Die Frau als Erfinderin (1870) beschrieb sie einen Effekt, der 1993 von der Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter nach ihr benannt wurde: dass die Erkenntnisse und Errungenschaften von Frauen in Wissenschaft und Forschung entweder an den Rand gedrängt, heruntergespielt und/oder im Laufe der Zeit männlichen Kollegen zugeschrieben werden. Bekannteste Beispiele hierfür sind Marie Curie, Lise Meitner und Rosalind Franklin.

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Wiki englisch
Matilda Joslyn Gage was an American suffragette who published several books on the surrounding topics of the women’s movement, e.g. on the separation of church and state and on the rights of Native Americans. She spread her liberal and inclusive opinion in her paper The National Citizen and Ballot Box, among other publications.

When in 1890 two of the largest women’s rights organisations with conservative Christian motivations, the NWSA and the AWSA, merged to form the NAWSA, they were united in their effort for women’s right to vote because the feminine temperance was supposed to influence politics and install Christian values. Gage did not agree with the singular priority of voting rights nor with the desire for Christian influence, and founded the Woman’s National Liberal Union.

Matilda Joslyn Gage always had her sights on more than voting rights, her goals were of a more fundamental and global nature. For her support of the Haudenosaunee’s struggle, with whom she had lived to study their society as an example of the matriarchy, she was admitted to their Council of Matrons.

In her essay Woman as Inventor (1870) she described an effect that in 1993 was named after her by science historian Margaret W. Rossiter: how discoveries and achievements of women in science and research are either marginalised, downplayed and/or attributed to their male colleagues over time. Wellknown examples for this are Marie Curie, Lise Meitner and Rosalind Franklin.

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The Gage Home – The Matilda Joslyn Gage Foundation

Bild: Von 19th century photograph, Gemeinfrei

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