Monat: Januar 2013

KW 5/2013: zwei Prostituierte

Rosemarie Nitribitt, 1. Februar 1933

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So richtig meine Aufmerksamkeit gewonnen hat Rosemarie Nitribitt eigentlich durch eine skurrile, traurige Nachricht, die jetzt 6 Jahre zurückliegt: Damals war es eine Randnotiz im Radio (glaube ich), dass nach 50 Jahren, eingelegt in einem Glas im Kriminalmuseum Frankfurt, nun endlich der Kopf der Nitribitt dem Grab ihres restlichen Körpers auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof zugeführt wird. Ich fand das ein ziemliches Unding und es schien mir repräsentativ für die Verachtung bei gleichzeitiger maximaler Ausbeutung der Frau; dieser im Speziellen und der Frau an sich im Allgemeinen.

„Die Nitribitt“ kann wohl gelten als ein typisches Beispiel für das Ergebnis einer schwierigen Kindheit, mit der nicht ungewöhnlichen Richtungsgebung des sexuellen Missbrauchs in der Jugend, etwas, das manchmal nicht besonders liebevoll als damaged goods bezeichnet wird. Was mich an ihr allerdings beeindruckt, ist die Souveränität, die sie dem widersprechend an den Tag zu legen schien, das offensichtliche Wohlgefühl in ihrer (nackten) Haut, das auf den entsprechenden Bildern von ihr zu sehen ist (vielleicht ist es auch nur gespielt, aber selbst ihre nackten Posen sehen so lässig aus, das ich nicht an Aufgesetztheit glaube). Dazu passt auch die „Schamlosigkeit“, die sie mit ihrer aggressiven Freierwerbung zur Schau trug, und das generelle „Denkt doch, was ihr wollt“, als das ich ihre Wahl des Beförderungsmittels verstehe.

Dass ihr Leben dennoch nicht glamourös war und sie sich nach einer bürgerlichen Existenz sehnte, macht sie zwar zu einer traurigen Heldin, aber nicht weniger sympathisch.

Zum 50. Jahrestag des Leichenfundes in ihrer Frankfurter Wohnung schrieb Die Welt einen Rückblick. Ebenso erinnert sich ein Journalist der Süddeutschen an den Fall, mit Fotostrecke. Aus der Zeit noch vor der Auslieferung ihres Kopfes an ihre Begräbnisstätte stammt der Artikel auf Spiegel Online.

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Nell Gwyn, 2. Februar 1650
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Ein anderes, älteres Paradebeispiel für den Ratschlag If you’ve got it, flaunt it! ist pretty witty Nell. Eine der ersten weiblichen Schauspielerinnen, ebenso wie die Nitribitt wohl mit zu frühen und unfreiwilligen sexuellen Erfahrungen, aber ungebrochen und forsch.

Die Schauspielerei trat sie nur an in der Hoffnung, wohlhabendere Freier aufzutun als in der Kneipe, in der sie arbeitete; dabei stellte sich wohl heraus, dass sie durchaus auch dafür Talent hatte. Ihr Ziel hat sie allerdings nicht aus den Augen verloren und es zur beliebtesten und prominentesten Mätresse Karl des II. geschafft.

Was sie beim englischen Volk – und bei mir – so gut ankommen ließ und lässt, ist ihr Selbstverständnis. Sie blieb wohl Zeit ihres Lebens bodenständig, schätzte jeden Luxus als solchen – ohne sich daran als gegeben zu gewöhnen – und versuchte nicht, aus sich etwas „Besseres“ zu machen als eine Mätresse. Dass sie sehr wohl für ihren vom König gezeugten Sohn eine sichere Zukunft einklagte, verdeutlicht, dass es sich bei ihr nicht um Minderwertigkeitskomplexe oder Demut handelt, wenn sie sich selbst Hure nannte, sondern reinen Realismus.

Eine liebevolle Reiteration zu Nells Leben findet sich auf The Honest Courtesan (ein interessantes Blog, ganz allgemein).

Bild: Von Peter Lely, Gemeinfrei

Achso, beide Damen als Grenzgängerinnen zu sehen, das muss ich wohl nicht erklären. Prostitution ist ja üblicherweise das Gebiet, in dem sich Oberschicht und Unterwelt eine Grenze teilen…

frauen, wollt ihr ewig (so) leben…?

mit dank an Thomas, der mich auf diesen interessanten artikel aufmerksam gemacht hat.
vielleicht die richtige gelegenheit, mal einen gedanken niederzuschreiben, den ich sonst nirgendwo unter bekomme, und einen eigenen eintrag ist er nun auch nicht wert…
meine antwort auf die kritiker und kritikerinnen der frauenquote, die immer sagen, dann wüssten die (armen) erfolgreichen frauen ja nie, ob sie wirklich so gut seien oder nur der quote dienten: das hat jahrhundertlang doch auch die vielen männer nicht gestört, die auch nicht über ihre qualifikation an die guten positionen gekommen sind. wie viele stellen sind besetzt worden, weil der anwärter mit den entscheidern zur uni ging, zur selben verbindung gehörte, ein freund der familie war? von den vielen entscheidungen in neuerer zeit, die eher für den mann als für die frau ausgefallen sind, ganz zu schweigen?
warum soll uns frauen das was ausmachen, wenn es auch den männern so lange nichts ausgemacht hat? haben die sich alle in der illusion gebadet, dass ihr erfolg nichts mit ihrem geschlecht, ihrer uni oder verbindung, ihren guten beziehungen oder denen ihrer eltern zu tun hat, sondern dass sie einfach so gut sind? das eine ist, wie jemand in eine position kommt, und das andere, wie er oder sie sie ausfüllt. natürlich gibt es auch die männer, die über beziehung in eine position kommen, diese dann aber auch sehr gut ausfüllen konnten. aber ebenso gab und gibt es die frauen, die wegen ihres geschlechtes nicht in positionen gekommen sind und kommen, diese aber besser ausgefüllt hätten als der männliche anwärter mit dem richtigen familiennamen oder den richtigen farben an der mütze. es geht um die chance, das beweisen zu können, um die möglichkeit, überhaupt antreten zu können. und ja, da scheint es eben den bedarf zu geben, denn in männerdominierten branchen kann es für eine frau schwierig sein, überhaupt in die lage zu kommen, ihre qualifikation unter beweis zu stellen – wenn ihr diese von vorneherein wegen ihres geschlechtes vielleicht sogar abgesprochen wird.
so.

KW 4/2013: Mairead Corrigan Maguire, 27. Januar 1944

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Mairead Corrigan ist eine Friedensnobelpreisträgerin, die mit Betty Williams die Grenze zwischen Protestanten und Katholiken in ihrer Bewegung für den Frieden in Nordirland durchstieß. Beide standen im Zusammenhang mit dem Tod dreier Kinder (und dem späteren, nur allzu verständlichen Selbstmord derer Mutter), als britische Soldaten einen jungen Iren in seinem Wagen erschossen, der daraufhin ungebremst in die Familie raste: Betty Williams (eine Protestantin) war Zeugin und Mairead Corrigan (eine Katholikin) die Tante der Getöteten. Beide gründeten mit einer spontanen Friedensdemonstration die Organisation, die im Lauf der Zeit als Peace People bekannt wurde, in dem Glauben und dem Versuch, Frieden zu schaffen, indem nicht nach Schuldigen, sondern der unvoreingenommene Dialog gesucht würde.

Mairead Corrigan Maguire ist im Laufe der Zeit mit den Peace People auch in anderen Unruhe- und Krisengebieten aktiv gewesen. Meine Begeisterung für sie als Person und ihre Überzeugung, wie die Welt ein besserer Ort werden könnte, ist allerdings durch die Tatsache geschmälert, dass sie ebenfalls Mitglied der Gruppe Consistent Life Ethics ist, die sich zwar konsistent, aber leider meines Erachtens undifferenziert für den Erhalt jeglichen Lebens einsetzt, in welcher (Leidens-)Form auch immer.

Wie andere Beispiele, die mir bei der Recherche für dieses Blogs begegnet sind, kann man auch an Mairead Corrigan Maguire gut erkennen, dass ein Einsatz für eine gute Sache, über die man Konsens erreichen kann, nicht bedeutet, dass dieser Konsens sich auf alle Fragen bezüglich Ethik, Moral, Vernunft und Humanismus erstreckt. Das sollte allerdings nicht davon abhalten – wie ihre unterschiedliche religiöse Orientierung Mairead und Betty nicht von einer Zusammanarbeit für den Frieden abgehalten hat – sich für die gute Sache, über die Konsens erreicht wird, einzusetzen. Alles weitere lässt sich ja vielleicht im nächsten Schritt friedlich klären…

Selbstverständlich gibt es zu Mairead Corrigan Maguire einiges zu lesen, so ihr Eintrag auf der Seite der Peace People, komplett mit Kontaktdaten, auf der Seite der Nobelpreis-Organisation, am schönsten allerdings liest sich dieser Text einer Teilnehmerin am von Peace People organisierten Austauschprogramm, Project Children.

Bild: By Free Gaza movement – Mairead at press conferenceUploaded by Pieter Kuiper, CC BY-SA 2.0

underworld U.S.A.

samuel fuller, USA 1961
lieblingsszene: wie sich cuddles ganz weit raus wagt und tolly gesteht, dass sie von einem mittelklasseleben mit ihm träumt, als seine frau und mutter seiner kinder. er lacht sie aus. sie flieht und anschließend bekommt er den kopf gewaschen von seiner quasi-ziehmutter, die wortwörtlich sagt: „no woman can tell a man the whole truth about herself, but that girl did, to you.“ und sinngemäß fortfährt, was für eine gigantin cuddles ist und was für ein geisteszwerg er ist. sistas and mothas.
mein mann schreibt auch darüber.

eltern morden für ihre kinder

der zweite beitrag zur serie Forced Entry auf Hard Sensations betrachtet den Bergman-klassiker „die jungfrauenquelle“ und dessen 70er-jahre-sleaze-remake von Wes Craven, „last house on the left“.

interessant in diesem zusammenhang: von beiden wurde mir von männern in meiner familie abgeraten. mein vater empfahl mir, den Bergman nicht zu sehen, und mein mann hatte zweifel, dass ich vergnügen, auch zweifelhafter art, am Craven hätte. wahrscheinlich haben beide recht. dafür bin ich wohl nicht manns genug (würde es aber gerne werden).

KW 3/2013: Shannon Lucid, 14. Januar 1943

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Space – the final frontier.
Shannon Lucid gehörte zum ersten Team von NASA-Astronauten, in der Frauen zugelassen wurden,  im Jahr 1978. Sie war nicht die erste Frau im Weltall, nicht mal die erste Amerikanerin.

Sie war jedoch bis 2007 die Frau, die den Frauen-Rekord für Tage im Orbit um die Welt hielt (223 Tage). Außerdem, noch passender für eine Grenzgängerin, ist sie die einzige Amerikanerin, die auf der MIR gearbeitet hat, und mit 188 Tagen die amerikanische Person mit der längsten Arbeitszeit auf der MIR.
Nebenher hat sie übrigens auch noch drei Kinder bekommen. Hut ab.
Auf der Homepage der NASA gibt’s die ultimative Lobhudelei und ein Feature zu ihrer Rückkher in ihr Geburtsland China.

Bild: Von NASA, Gemeinfrei

frau mit kind


diese etwas mondgesichtige maria steht im braunfelser schloss vor dem innersten tor und erinnert an die braunfelser gefallenen in mindestens den drei letzten kriegen, in die deutschland verwickelt war (danke mama!).

KW 2/2013: Maria Mandl, 10. Januar 1912

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Und hinein ins neue Jahr mit neuem Themengebiet mit einer Frau, vor der ich letztes Jahr zurückgeschreckt bin. Nicht, weil ich nicht über sie schreiben wollen würde: weil ich nicht weiß, wie man über so jemanden schreiben kann, ohne zugleich zu banalisieren und effekthascherisch zu wirken oder gar zu sein.

Aber als Grenzgängerin zählt sie: Sie überschritt moralische und ethische Grenzen, sie überschreitet mit ihrer Lebensgeschichte und -weise auch die Grenzen des Verstehens.

Das ist der Balanceakt:
Einerseits, ja, empfinden wir Gräueltaten, wie die in Konzentrationslagern des Dritten Reichs geschehen, von Frauen ausgeübt als noch unfassbarer als die der Männer. Ich persönlich kann es nicht begreifen, nicht nachvollziehen, nicht nur, wie man auch nur hohles, williges Instrument sein kann, das sich mit den menschenverachtenden Befehlen des Regimes füllen und dafür verwenden lässt – schlimm genug: Nein, wie man sogar diese Instrumentalisierung als Möglichkeit des Auslebens eigener Allmachtsbedürfnisse suchen kann und sie in eigenen Taten individuell interpretieren, damit Respekt bei den Befehlshabern erheischen und immer nur weitere Gelegenheiten schaffen, Gott, Tod und Teufel in Personalunion zu sein.

Andererseits, wie soll ich sagen, sind auch Frauen „nur Menschen“. Sollte ein Mensch weniger zu Bösem fähig sein, weil er doppel-X-Chromosome hat? Das wäre ja schwarzer Feminismus: Wir sind nicht „die bessere Hälfte“, in keiner Weise. Mitgefangen, mitgehangen: Wenn wir Menschen wie alle anderen (= die Männer) sein wollen, dann muss auch wahr sein, dass wir vernichtend aggressiv, pervers, krank und verführt sein können. Warum auch nicht.

Warum auch nicht? Wahrscheinlich, weil wir Mütter sind oder zumindest sein können. Und Mütter lieben, pflegen, sorgen, trösten. Aber da tut sich doch der Schatten einer Ahnung auf: Ja, da kann ich doch vielleicht ein bisschen verstehen, wie jemand in den Umständen einer grässlichen Neu-Ordnung der Welt auf die andere Seite des Menschseins fällt und in der „Normalität“ von systematischer Menschenvernichtung nicht nur sein Auskommen in stumpfer Ignoranz findet. Da kann ich vielleicht doch sogar ein bisschen nachfühlen, wie man in den Rausch geraten kann, Herr über Leben und Tod zu sein. Denn das ist das auch: Mutter-Sein.

Wer mag, der folge mir noch. Es kommt ein winziges Lebewesen aus mir heraus auf die Welt und ist abhängig von mir, von meiner Fürsorge, von meinem Körper. Wenn ich liebe und pflege, dann lebt es (und wenn nicht, dann nicht). Und es bleibt lange, sehr lange, in seinem physischen wie psychischen Wohlbefinden in dieser Abhängigkeit. Stillen ist ein Rausch, rein körperlich gesehen. Aber zu fühlen, wie ein tobendes Geschrei zu leisem Schniefen und schließlich wieder zu Lachen wird, dank meines Streichelns und Schaukelns und Murmelns: das ist MACHT. Und auch diese Macht kann korrumpiert werden. (Jimmy Kimmels Halloween- und Sommer-Scherze „Behauptet, ihr hättet alle Süßigkeiten gegessen“ oder „Tut so, als seien die Sommerferien schon wieder vorbei“ sind Zeichen dafür: Wie gerne Eltern ihren Kindern auch mal negative Gefühle machen, einfach nur, weil sie es können.) (Ich will damit nicht sagen, dass Jimmy Kimmel einer KZ-Oberaufseherin gleichzusetzen ist. Aber ich habe einfach nie verstanden, wie man als Eltern so fies sein kann, auch nur im Scherz.)

Ich glaube, deshalb empfinden wir Frauen, die solche Verbrechen begehen, als so abartig: Weil die Erinnerung an diese Abhängigkeit und die Sehnsucht nach dem Wohlwollen der Mutter in uns lebendig geblieben ist. In Wirklichkeit aber ist dieses Verhalten vielleicht doch nur die Schattenseite der Mutter, also kein Widerspruch.

Was in keiner Weise entschuldigen kann, dass ein Mensch nicht davor zurückschreckt, solche Taten zu vollbringen.

Bild: Von Unknown, probably an U.S. Army soldier, Gemeinfrei