Generation Wealth

Lauren Greenfield (USA 2018)

Full Disclosure: Der deutsche Verleih JIP Film und Verleih ist an mich herangetreten und hat mir den Film für diese Rezension zugänglich gemacht; kein weiteres Honorar wurde vereinbart. Der Text spiegelt meine unbeeinflusste Meinung wieder.

Von Jugendlichen in Los Angeles, die „im Schatten Hollywoods“ aufwachsen, über Magersüchtige, die in einer Reha-Klinik versuchen, eine gesunde Beziehung zu ihrem Körper und seinem Nahrungsbedürfnis aufzubauen, bis hin zur Königin von Versailles – die Fotografin und Dokumentarfilmerin Lauren Greenfield hat sich im Laufe ihres beruflichen Lebens immer wieder mit Extremen befasst. Darüber, so sagt sie in ihrem neuesten Dokumentarfilm, hofft sie den Mainstream besser verstehen zu können.

In „Generation Wealth“ wirft Greenfield einen anthropologischen Blick auf die eigene Kultur und sich selbst als Teil davon. Ihre chronologische Aufarbeitung beginnt mit dem, was der american dream einst für ihre Einwanderer-Großeltern war – dass jeder es zum Erfolg bringen kann, unabhängig von Herkunft und Ausgangspunkt – und wie daraus in den 1980er Jahren die Gier nach Mehr zu einer Tugend wurde, so ausformuliert von Gordon Gecko (Michael Douglas) in „Wall Street„, dem symptomatischen period piece der Dekade. Greenfield selbst begann in den 1990ern zu arbeiten und richtete ihren Fokus auf die extremen Ausformungen der Wohlstandsgesellschaft, die dem folgten. Der vorliegende Dokumentarfilm entstand parallel zur Arbeit an der Ausstellung mit Fotoband gleichen Namens, bei der sie in den vergangenen 10 Jahren rund um die Welt Menschen vor die Kamera holte, die wealth (Reichtum, Vermögen, Wohlstand, aber auch Fülle oder Schatz) haben, hatten oder erreichen wollten – ein Panoptikum des gelebten Kapitalismus. Zu manchen ihrer Protagonisten hat Greenfield eine persönliche Beziehung, aus der Schul- oder Studienzeit; einige trifft sie im Lauf der Arbeit immer wieder und zeichnet damit nach, welche Kosten, aber auch welche Erkenntnisse das exzessive Streben nach Mehr mit sich bringt. Dabei nimmt Greenfield sich selbst als arbeitswütige Mutter nicht aus der Betrachtung heraus: Wiederholt sie das Leben ihrer Mutter, von der sie sich verlassen fühlte?

Greed is right, greed works. Greed clarifies, cuts through, and captures the essence of the evolutionary spirit. Greed, in all of its forms; greed for life, for money, for love, knowledge has marked the upward surge of mankind.

Gordon Gecko (Michael Douglas) in „Wall Street“

In den teilweise schmerzhaften, erschreckenden, vielleicht für einige gar abstoßenden Szenen, die Greenfield zusammenträgt, wird unleugbar deutlich, wie die Fixierung auf das Anhäufen von Reichtum, von außen sichtbaren Zeichen des Erfolges – wie der Kapitalismus ihn versteht – zur Kommerzialisierung und unweigerlich zur Verdinglichung des menschlichen, insbesondere des weiblichen Körpers wird. Ob es von Greenfield so gemeint ist oder nicht: Auch im Dokumentarfilm selbst stehen die Männer und Frauen in sehr unterschiedlichem Verhältnis zur Gier-Kultur. Florian Homm, vom FBI-gesuchter Ex-Hedgefond-Manager, der jetzt in seiner hessischen Heimat quasi im Exil lebt, erklärt die Börse und zeigt nur in Bezug auf seine eigenen Verluste Reue; Bret Easton Ellis, Autor von „Unter Null“ und „American Psycho“, und der Journalist Chris Hedges erörtern die Sachlage aus einer Position der körperlichen, seelischen und finanziellen Unversehrtheit. Die Frauen vor Greenfields Kamera hingegen tragen alle Spuren der absoluten Kommodifizierung des weiblichen Körpers im Kapitalismus davon: Da erzählt Kacey Jordan, die Pornodarstellerin, die einst für eine fünfstellige Summe (angeblich) zwei Tage lang mit Charlie Sheen feierte, von Salmonellenvergiftung durch Bukkake und gerissenem After, während sie mit der Übelkeit einer Schwangerschaft kämpft, die sie dieses Mal austragen möchte. Da ist die Busfahrerin, die sich so hoch verschuldet, dass sie schließlich im Auto lebt, um wenigstens den schönsten Körper zu haben, den sie haben kann – wenn sie schon nicht mehr vom Eigenheim träumen kann, möchte sie ihrer Tochter wenigstens diese Erfolgsstory vorleben. Und die erfolgreiche Börsenmaklerin, die mit 40 ihren Kinderwunsch auch mit Hilfe mehrerer Fertilitätsbehandlungen nicht mehr mit dem eigenen Uterus erfüllen kann und das Kind, von einer hochbezahlten Leihmutter geboren, schließlich alleine im Luxus großzieht. Dazwischen Bilder der Magersüchtigen aus Greenfields erstem Dokumentarfilm „Thin“ und Stripperinnen in Altanta aus „Magic City„, den Greenfield 2015 drehte.

„If you think that money will buy you anything and everything, you’ve never ever had money.

Florian Homm in „Generation Wealth“

Und Greenfield selbst, die sich der Tatsache stellen muss, dass sie mit ihrer Arbeitswut eine Entfremdung von ihren Kindern in Kauf genommen hat, an der auch ihre Beziehung zur eigenen Mutter krankt. An diesen Stellen gerät der Film in Gefahr, als Kritik an den Errungschaften des Feminismus verstanden werden zu können: Seht, wohin es führt, wenn die Frauen die gleichen Ziele haben wollen, die die Männer seit Jahrhunderten selbstverständlich verfolgen. Tatsächlich aber stellt der Film die Frage nach dem richtigen Leben im falschen, hier: Kann es ein gutes, erfolgreiches Leben für Frauen – oder: für alle – geben im vom Patriarchat geprägten und beherrschten kapitalistischen System? „Generation Wealth“ zeigt deutlich, wie sehr sich in der Wohlstandsgesellschaft Erfolg in sichtbaren, anfassbaren Dingen bemisst, in Besitztümern und, per Objektifizierung der Frau, in Körpermerkmalen, und wie langwierig und schmerzhaft die Besinnung darauf ist, dass dabei die nicht messbaren, nicht von außen zu beurteilenden Schätze auf der Strecke bleiben: Familie, Liebe, Vertrauen, Würde.

Mit den Bildern von zwei sehr unterschiedlichen Müttern, die die kommende Generation heranziehen und so mit ihren Erfahrungen die Gestaltung der zukünftigen Kultur beeinflussen, lässt der Film den Zuschauer zwischen Hoffnung und Skepsis zurück: Die ehemalige Schulkameradin Greenfields, die trotz ihrer wirtschaftlichen Armut dank ihres guten Aussehens in den gehobenen Zirkeln im Schatten Hollywoods akzeptiert wurde, zieht ihre Kinder gänzlich ohne Medien auf; kein schädlicher Einfluss soll auf die jungen Seelen einwirken, doch die Welt, die die Mutter gestaltet, wirkt idealisiert und realitätsfremd. Demgegenüber die alleinerziehende Mutter, die sich ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit erarbeitet hat und es sich nun leisten kann, ihre Zeit in ihr einziges Kind zu investieren – und eine Welt um das Kind herum schafft, in der, ebenso realitätsfremd, niemals etwas nicht zu haben ist. Und auch hier, dazwischen: Lauren Greenfield selbst, die nach den Sätzen ihrer Söhne, dass „der Schaden schon angerichtet“ ist und der Vater eben die Hauptrolle in ihrem Leben spielt, wieder auf die Philippinen reist, um ihre Arbeit fertigzustellen: Sie sind Produkte ihrer Genese und können nicht anders, als in dem einzigen System weiterzumachen, das sie kennen, so transformiert sie auch selbst sein mögen.

It’s kind of ironic that I’ve chosen to raise my kids in the exact same world that I grew up in. Same neighbourhood, same school, same pressures. And even though I can deconstruct the culture in my world, I’m still susceptible to its influence. It’s just who I am, it’s not that I can really stop.

Lauren Greenfield in „Generation Wealth“

Greenfields Dokumentarfilm bringt mit seiner Aussage, dass Geld und Schönheit nicht glücklich macht, dass es die Ausgewogenheit ist, in der Menschen Frieden und Zufriedenheit finden, nicht unbedingt neue oder originelle Erkenntnisse zutage, doch vermittelt der Film eine Dringlichkeit, umzudenken und zu reevaluieren, die lange nachwirkt. Indem die Regisseurin sich selbst als Objekt der Betrachtung nicht ausschließt und eine Beurteilung ihrer Protagonisten unterlässt, bleibt sie bemerkenswert authentisch; ihre „unwissenschaftliche“, menschliche Nähe zu den Menschen vor der Kamera und ihr Eingebundensein in die Kultur, die sie betrachtet, macht die Verluste und die drohenden Gefahren des „Koste-es-was-es-wolle“-Kapitalismus spürbar.

Ohne Zweifel wird „Generation Wealth“ bei jedem Zuschauer, gleich welcher Position in der Gesellschaft und mit welcher Biografie, sensible Punkte berühren; bei manchen vielleicht sogar, wie ich es persönlich für mich empfand, einen Perspektivgewinn für die eigene aktuelle Lebenslage. Was der Wert dessen ist, was wir besitzen, im Vergleich zu dem, was wir tun, wem wir es überlassen, unseren Erfolg zu bemessen und an welchen Maßstäben: Diese Fragen sollten wir uns stellen, und „Generation Wealth“ bietet gute Gelegenheit dazu.

„Generation Wealth“ kommt in Deutschland am 31. Januar in die Kinos, Termine können auf der Seite des Verleihs jip film abgerufen werden.
Die Fotoausstellung zum Film ist vom 30. März bis 23. Juni in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen.